Nachgefragt

«Die Lehrpersonen dürfen nicht einfach alleingelassen werden»

15. Mai 2017, 00:00

Jürg Brühlmann, immer wieder gibt es auch von Lehrpersonen Kritik an der integrativen Schule. Was läuft schief?

Wenn die Anzahl Kinder pro Klasse und die zu unterrichtenden Lektionen erhöht werden, wenn der Halbklassenunterricht abgebaut wird und gleichzeitig sehr herausfordernde Kinder integriert werden sollen, sind das irritierende Signale aus der Politik.

Wie steht der Lehrerverband denn zur integrativen Schule?

Der Auftrag des Gesetzgebers ist klar, die integrative Schule muss umgesetzt werden. Danach richten wir uns. In gewissen Regionen funktioniert dieses Schulmodell bereits heute gut, in anderen gibt es noch grossen Nachholbedarf.

Der Föderalismus ist hier also ein Nachteil?

Nein, eigentlich nicht. Es gibt in der Schweiz viele unterschiedliche Modelle und Ansätze für die integrative Schule, die interessant sind und oft auch funktionieren. Das Problem ist, dass diesbezüglich kein Austausch stattfindet zwischen den Gemeinden und Kantonen. Sie können darum nicht voneinander lernen. Die Informationen müssen in Zukunft besser geteilt werden.

Welche Folgen hat die integrative Schule für die Lehrer?

Jeder Einzelfall kann sehr viel mehr Arbeit verursachen: mit Gesprächen, runden Tischen, in der Klassenführung. Der Unterricht muss stärker personalisiert und differenziert werden, was den Aufwand erhöht.

Was braucht es denn, damit dieses Schulmodell funktioniert?

Die Rahmenbedingungen sind entscheidend. Wichtig ist, dass genügend Ressourcen vorhanden sind und diese auch richtig eingesetzt werden. Die Klassen dürfen nicht zu gross sein, und es braucht genügend Sonderpädagogen, die sich um die Kinder mit einer Behinderung kümmern. Die Lehrpersonen dürfen nicht einfach alleingelassen werden.

Wie geht es weiter?

Wir sind noch immer in der Anfangsphase der integrativen Schule. Es wird noch zehn bis zwanzig Jahre dauern, bis die Lösungen wirklich funktionieren. Es darf nun einfach keinen Rückschlag geben, indem bei der Bildung abgebaut wird. Nimmt der Druck auf die Schulen und die Lehrer weiter zu, wird der Integrationsprozess Schaden nehmen. (mbu)


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