Die vergeblichen Anläufe der Tessiner

16. Juni 2017, 00:00

Durststrecke Seit Gründung des Bundesstaates hatte der Kanton Tessin gerade einmal sieben Vertreter im Bundesrat. Es waren dies der Reihe nach Stefano Franscini (FDP), Giovanni Battista Piola (FDP), Giuseppe Motta (CVP), Enrico Celio (CVP), Giuseppe Lepori (CVP), Nello Celio (FDP) und Flavio Cotti (CVP).

Cottis Rücktritt liegt nun bald 18 Jahre zurück; es ist die längste Periode ohne Vertretung der italienischen Schweiz im Bundesrat. Die zweitlängste war unmittelbar davor: nach dem Rücktritt von Nello Celio (FDP) im Jahr 1973 bis zum Amtsantritt Cottis 1986. Nach 1999 gab es zwar immer wieder Anläufe des Tessins, jemanden in den Bundesrat zu bringen, sie scheiterten aber spätestens am Wahltag. So etwa bei den Gesamterneuerungswahlen 2015, als die SVP nach dem Rücktritt von Eveline Widmer-Schlumpf (BDP) ein Dreier-Ticket präsentierte, auf dem sich neben Guy Parmelin (VD) und Thomas Aeschi (ZG) auch der Tessiner Lega-Vertreter Norman Gobbi befand. Gobbi scheiterte, Parmelin machte das Rennen.

Bei den Gesamterneuerungswahlen 2011 schaffte es kein Tessiner Vertreter in die Schlussausmarchung. 2010 waren die Bundesräte Moritz Leuenberger (SP) und Hans-Rudolf Merz (FDP) zu ersetzen. Bei der Wahl der FDP-Nachfolge brachte es der jetzt für die Burkhalter-Nachfolge genannte Ignazio Cassis im ersten Wahlgang auf 12, im zweiten Wahlgang auf 0 Stimmen, worauf er sich zurückzog. Das Rennen machte dann Johann Schneider-Ammann.

Burkhalter, Lüscher – und Marty

Nach dem Rücktritt Pascal Couchepins wählte die Vereinigte Bundesversammlung 2009 den Neuenburger Didier Burkhalter. Der Tessiner Dick Marty erhielt im ersten Wahlgang 34 Stimmen, Burkhalter deren 58, der Genfer Vertreter Christian Lüscher deren 73 – aber CVP-Vertreter Urs Schwaller 79. Um den FDP-Sitz nicht zu gefährden, zogen sich Marty für den zweiten, Lüscher für den vierten Wahlgang zurück.

Die Wahl des Zürcher SVP-Vertreters Ueli Maurer im Jahr 2008 fand ohne Kandidatur aus dem Tessin statt. Dies war auch bei den Gesamterneuerungswahlen 2007 der Fall.

Zur Nachfolge von Joseph Deiss (CVP) gab es 2006 mit Nationalrätin Chiara Simoneschi-Cortesi wieder eine Tessiner Kandidatur. Sie scheiterte aber im ersten Wahlgang an Doris Leuthard. Bei der Gesamterneuerungswahl 2003 erhielt der nicht kandidierende Fulvio Pelli zweimal Stimmen – wenn auch nur eine Handvoll. Dies bei der Wiederwahl von Pascal Couchepin und dann bei der Wahl von Hans-Rudolf Merz. Die Ersatzwahl für Ruth Dreifuss im Jahr 2002 gewann die Genferin Micheline Calmy-Rey im fünften Wahlgang. Bis in den dritten Wahlgang hielt SP-Staatsrätin Patrizia Pesenti die Tessiner Fahne hoch. Sie erreichte aber in allen drei Wahlgängen lediglich ein gutes Dutzend Stimmen.

Niemand aus dem Tessin dann wieder bei der Wahl von Samuel Schmid im Jahr 2000, der Adolf Ogi nachfolgte.

Bei den Gesamterneuerungswahlen 1999, wenige Monate nach den Ersatzwahlen im selben Jahr, wurden alle bisherigen Bundesräte im ersten Wahlgang wiedergewählt – so auch Ruth Metzler. Bei ihrer Wiederwahl mit 144 Stimmen erhielt die Tessinerin Chiara Simones­chi-Cortesi 13 Stimmen.

Richard Clavadetscher


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