Ein Leben nicht nur für die Politik

FAVORIT ⋅ Auch als FDP-Fraktionschef wollte Ignazio Cassis nur die Hälfte seiner Arbeitszeit für die Politik aufwenden. Diese Aufteilung könnte bald Vergangenheit sein: Der Tessiner ist erster Anwärter für die Burkhalter-Nachfolge.
16. Juni 2017, 00:00

Tobias Bär

Selbst wenn Ignazio Cassis ein Gespräch ablehnt, tut er dies mit einer ausnehmenden Freundlichkeit. Einen Tag nach der Rücktrittsankündigung von Didier Burkhalter stand er, der Kronfavorit für die Nachfolge, unter besonderer Beobachtung. Wo immer sich der Tessiner gestern in der Wandelhalle aufhielt, ­waren die Journalisten nicht weit. Aber eben, sagen wollte er nichts mehr, nachdem er am Vortag bereits sein Interesse signalisiert hatte. «Ich muss nun einen Schritt zurücktreten», sagte Cassis. Zuerst müsse er mit sich und seinem Umfeld klären, ob er tatsächlich antreten wolle. Bis Mitte Juli will sich der FDP-­Nationalrat entscheiden.

Bis dahin muss Cassis herausfinden, ob sich das Amt des Bundesrats mit der konfuzianischen Weisheit verträgt, nach der er sein Leben ausrichtet: «Wähle einen Beruf, den du liebst, und du brauchst keinen Tag in deinem Leben mehr zu arbeiten.» Der Spruch findet sich auf seiner Webseite, ebenso der Satz, dass Arbeit, Hobbys, Sport und Privatleben für ihn ein Ganzes bilden. Der verheiratete, kinderlose Cassis dürfte registriert haben, wie Burkhalter seinen überraschenden Rücktritt begründete. Der Aussenminister sprach von der Last des Bundesratsamts, das wie eine zweite Haut sei und sich weder am Abend noch am Wochenende ablegen lasse. Das verträgt sich nur schlecht mit einem Satz, den Burkhalters potenzieller Nachfolger kürzlich der NZZ diktierte: «Ich möchte auch ausserhalb der Politik existieren.»

Doch im Bundeshaus ist man sich ­einig: Cassis wird antreten, alles andere wäre eine faustdicke Überraschung.

Eine stolze Sammlung von Vinylplatten

Ganz und gar keine Überraschung ist, dass sich die Augen am Mittwoch sofort auf den 56-Jährigen richteten. Dessen Karriere schien zuletzt unweigerlich auf den Bundesrat zuzustreben. «Ein Tessiner mit Blick nach oben», «Ein Cant­autore für den Bundesrat» oder schlicht «Der Bundesratskandidat» – so waren die Porträts überschrieben, die im vergangenen Jahr über Cassis erschienen sind. Cantautore bezieht sich auf die Leidenschaft für die Musik. Neben dem Interesse für Technologie ist sie sein grosses Hobby. In den jungen Jahren war er Trompeter, in der Armee und in verschiedenen Bands. Das Blasinstrument hat er inzwischen zur Seite gelegt, dafür greift er am Sonntagmorgen gerne zur Gitarre. Dazu kommt eine stattliche Sammlung von Vinylplatten, die über 1000 Stück umfassen soll.

Cassis sieht sich als Halbberufsparlamentarier. Die Hälfte seiner Arbeitszeit wendet er für die Politik auf, die andere für den Beruf. Oder besser: für die Berufe. Cassis hat mehrere Mandate im Gesundheitsbereich inne. Dazu zählt das Präsidium des Krankenkassenverbandes Curafutura. Dass er für dieses Teilzeitmandat 180000 Franken jährlich einstreicht, wird vor allem in der Ratslinken kritisiert. «Er ist ganz einfach ein Lob­byist», sagt eine SP-Nationalrätin. Auch in den eigenen Reihen wird das fürstlich bezahlte Engagement für die Krankenkassen nicht nur gerne gesehen. Und es könnte nach einer allfälligen Wahl in den Bundesrat Fragen aufwerfen, falls Alain Berset ins Aussendepartement wechseln und Cassis vom ihm die Verantwortung für die Gesundheitspolitik erben sollte.

Zumindest wäre der 56-Jährige für jenen Politikbereich zuständig, in dem er sich am besten auskennt. Cassis hat sich zum Facharzt für Innere Medizin und Prävention ausbilden lassen, war als Tessiner Kantonsarzt tätig. Heute nimmt der Mediziner Lehraufträge von verschiedenen Hochschulen wahr. Während vier Jahren war er Vizepräsident des Ärzteverbandes FMH. Geleitet wurde der Verband in dieser Zeit von Jacques de Haller. Dieser meint: «Cassis verfügt über eine aussergewöhnliche intellektuelle Kreativität.» Das nötige Rüstzeug für den Bundesrat bringe sein ehemaliger Mitstreiter zweifellos mit. Fraglich sei lediglich, so der Sozialdemokrat, ob sich Cassis nach erfolgter Wahl ein Stück weit von seiner ideologischen Sturheit lösen könne.

Vom linken Rand in die Mitte

Cassis ist – das zeigen Parlamentarierrankings und das sagt er selber – nach rechts gerutscht, seit er 2007 seinen Sitz im Nationalrat eingenommen hat. In seiner Fraktion hat er sich damit vom linken Rand in die Mitte bewegt. Verglichen mit Parteipräsidentin Petra Gössi steht ­Cassis aber für eine weniger restriktive Migrationspolitik und eine offenere Aussenpolitik. Die Verortung auf der Links-rechts-Achse ist deshalb von Belang, weil das rechtsbürgerliche Lager gerne moniert, die Mehrheit von FDP und SVP im Bundesrat schlage sich nur ungenügend in den Entscheiden nieder. Dafür verantwortlich gemacht wird Burkhalter. Gerade die Kritiker von ­dessen europapolitischem Kurs blicken durchaus skeptisch auf den Mann, der ihn beerben könnte. Lob erhält Cassis für seine Arbeit als Fraktionschef. Sein Führungsstil unterscheide sich diametral von jenem der Vorgängerin Gabi Huber. Während die Urnerin nach den Worten eines Fraktionsmitglieds wie eine «Autokratin» auftrat, hält Cassis die Zügel locker in der Hand. «Er führt anders, aber effizient», sagt ein FDP-Nationalrat. Für Cassis sprechen überdies seine Dreisprachigkeit und der Umstand, dass das Tessin seit fast 20 Jahren auf eine Vertretung im Bundesrat wartet. Wobei Cassis im Südkanton nicht auf einhellige Unterstützung zählen kann. Einige stören sich daran, dass die FDP-Fraktion unter ihm die leichte Umsetzung der Masseneinwanderungs-Initiative wesentlich mitgestaltet hat – die Initiative war im Tessin deutlich angenommen worden.

2010, beim ersten Anlauf für den Bundesrat, scheiterte Cassis bereits in der parteiinternen Ausmarchung. Dieses Mal hat er gute Chancen. Zuerst muss er sich aber dazu durchringen, fast ausschliesslich für die Politik zu leben – zumindest für ein paar Jahre.


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