Nachgefragt

«Es könnte Ansprüche von Romands geben»

16. Juni 2017, 00:00

Der Urner Franz Steinegger hat die FDP während 12 Jahren als Präsident geprägt. Für den 74-Jährigen hat Ignazio Cassis gute Chancen. Das Rennen ist in seinen Augen aber noch lange nicht gelaufen.

Franz Steinegger, nach dem Rücktritt von Didier Burkhalter dreht sich das Kandidatenkarussell. Der Anspruch der lateinischen Schweiz ist dabei mehr oder weniger unbestritten. Wie beurteilen Sie das?

Es war die bisherige, wohlüberlegte Strategie der FDP, ihre Sitze auf die Sprachregionen aufzuteilen. Auch wenn das in der Deutschschweiz nicht immer allen gefallen hat, ist das eigentlich unbestritten. Ausser, man hätte keine guten Kandidaten, aber das ist ja nicht so.

Auf der Pole-Position scheint derzeit Ignazio Cassis zu stehen.

Ja, er hat sicher gute Chancen, und er hat in der Vergangenheit auch schon Ambitionen angedeutet. Ich kann mir aber vorstellen, dass aus der Romandie noch Ansprüche laut werden. Es könnte sein, dass dort noch der eine oder andere Bundesparlamentarier oder Regierungsrat Lust auf eine Kandidatur hat.

Das Rennen ist in Ihren Augen also noch lange nicht gelaufen?

Man sagt ja, dass letztlich jene nicht gewählt werden, die schon als gewählt gelten. Eine Rolle könnten am Ende noch gewisse Absprachen spielen. Der Zeitpunkt des Rücktritts von Burkhalter ist für mich ein Indiz dafür, dass man sich abgesprochen hat. Ich will aber nicht werweissen, mit wem.

Der nächste freie Sitz wird unter anderem von der Ostschweiz beansprucht, die seit dem Rücktritt von Eveline Widmer-Schlumpf nicht mehr vertreten ist.

Ich kann mir durchaus einen Ostschweizer Sitz vorstellen, und ich begreife diesen Anspruch, den auch andere Regionen wie die Zentralschweiz hegen. Uri und Schwyz etwa hatten noch nie einen Bundesrat. Man muss sich aber bewusst sein, dass es viele Kriterien gibt: die Partei, das Geschlecht, die Sprache, die Region. Am Schluss ist das immer sehr stark eine Frage der Konstellation.

Wie beurteilen Sie Didier Burkhalters Wirken als Bundesrat?

Er hatte Höhen und Tiefen. Insgesamt war er aber ein erfolgreicher Bundesrat, gerade wenn ich an das Jahr 2014 denke. Man muss immer schauen, wie jemand auf ausserordentliche Situationen reagiert. Und Burkhalter hat als OSZE-Vorsitzender während der Ukraine-Krise weltweit Anerkennung bekommen.

Burkhalter hat immer wieder betont, dass er aus persönlichen und nicht aus politischen Gründen zurücktrete. Glauben Sie ihm das?

Das ist für mich plausibel, denn wenn man noch etwas anderes machen will nach der Politik, dann darf man nicht zu spät aussteigen. (dow)


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