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Europa erfindet sich gerade neu

13. Juni 2017, 00:00

Kürzlich sagte mir ein bekannter Ökonom am Swiss Economic Forum: «Wir sollten einfach nicht mehr hinhören, wenn Präsident Trump etwas von sich gibt.» So weit ist es gekommen mit der westlichen Führungsmacht. Offensichtlich liegt der Trick des erfolgreichen Wirtschaftens und Investierens heute darin, die Kommentare von Donald Trump über Twitter oder wo auch immer zu ignorieren. Zum gleichen Schluss kommen die internationalen Anleger. Im April stagnierten die Börsen kurz, weil die meisten Beobachter zum Schluss gekommen waren, dass Donald Trump nicht liefern wird. Weder werden die Unternehmenssteuern so schnell gesenkt wie angedacht, noch wird das gigantische Infrastrukturprogramm durchgezogen. Grosse Sprüche, wenig Taten. Das führte an der Börse zu einem kurzen Stillstand – die Aktienkurse stagnierten im April. Dann aber ging die Hausse unbekümmert weiter.

Was war geschehen? Die Investoren blenden Trump heute einfach aus. Warum? Erstens, weil die Weltkonjunktur gerade mal wieder gut läuft – praktisch alle Weltregionen wachsen synchron. Zweitens, weil Europa endlich die Krise hinter sich gelassen hat und stabile Wachstumszahlen zeigt. Und das nicht nur in Deutschland. Wenn Bundeskanzlerin Angela Merkel sagt, die Europäer müssten nun für sich schauen, dann löst das nicht mehr einen Schock aus, sondern gilt plötzlich als Aufbruchsignal. Das Schicksal in die eigenen Hände zu nehmen, gilt nicht mehr als sicheres Rezept für den Weg in den Untergang, sondern ist plötzlich die einzig richtige Alternative in einer Welt, in der man sich auf nichts mehr verlassen kann – am wenigsten auf die Verbündeten von gestern.

Es ist doch so: Trump hat offensichtlich an einem geeinten Europa kein Interesse. Er sieht die USA in Konkurrenz zu Europa. Diese teilweise eingebildete Konkurrenzsituation hält ihn davon ab, Gemeinsamkeiten zu finden. Es geht immer darum, zu konkurrieren und der Stärkere zu sein. Für den Schwächeren hat Trump nur Verachtung übrig. Genau diese Politik hilft letztlich Europa, sich stärker zusammenzuschliessen. Dem Letzten in Europa wird in diesen Tagen bewusst, dass Europa nur sich selber hat. Gegen die starken Interessen der USA Chinas oder Russlands haben europäische Länder nur eine Chance, wenn sie sich zusammenschliessen und als Schicksalsgemeinschaft sehen. Selbst die Osteuropäer wissen jetzt, dass sie sich auf den amerikanischen Schutzschild nicht mehr verlassen können. Sie werden sich deshalb verstärkt Brüssel zuwenden. Das ist die Ironie der gegenwärtigen Lage: Während viele geglaubt haben, dass Trump und Brexit Europa schwächen, passiert exakt das Gegenteil. Jetzt hat sogar die britische Premierminister May ein Debakel erlebt. Den harten Brexit wird es so kaum geben.

Die europäische Währung profitiert derweil von massiven Zuflüssen. Allein seit der Wahl von Emmanuel Macron sind 12 Milliarden Euro in europäische Aktienfonds investiert worden. Die Anleger entdecken Europa wieder, das nun plötzlich politisch stabiler scheint als die USA mit ihrem erratischen Präsidenten, der heute dies und morgen etwas ganz anderes verkündet. Diese Geldzuflüsse stabilisieren den Euro und bringen die europäischen Aktienkurse voran. Sie sind auch gut begründet, das Wirtschaftswachstum war in der Eurozone 2016 mit 1,8 Prozent stärker als in den USA. Die Vorlaufindikatoren sehen blendend aus. Und an Geld mangelt es den Unternehmen nicht. Die Gewinne steigen stärker als in den USA. Das ist gut für die Schweizer Wirtschaft, deren Hauptabnehmer immer noch in Europa sitzen.

Da spielt es auch keine Rolle mehr, dass Trump das Klimaabkommen aufkündet. Der französische Umweltminister Nicolas Hulot sagt: «Das sind die letzten Zuckungen einer untergehenden Welt.» Die Kohleindustrie ist nicht die Zukunft – die erneuerbaren Energien werden sich durchsetzen. Mit oder ohne Trump. Der französische Präsident Macron hat das gemacht, was auch die Schweizer Hochschulen machen sollten: Er lädt frustrierte US-Forscher nach Frankreich ein: «Wir lieben hier innovative Leute.» Das sollte auch das Motto der Schweiz sein: Wir setzen auf Innovation und Ideen. Sollen sich die USA sich mit ihren alten Kohlegruben beschäftigen.


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