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Für Meinungsdusel ist gesorgt

19. Mai 2017, 00:00

Was für eine «Sorglichkeit» ist in dieser Welt! Tag für Tag melden unsere Medien, wofür «gesorgt» wird. Für «Schlagzeilen», für «Wirbel», für «Beunruhigung», «Aufsehen», «Entsetzen», «Entrüstung» und so fort.

Die vielen Verben, die in versunkener Zeit zur Wahl standen – bewirken, auslösen, verursachen, hervorrufen etc. – sind fast allesamt ausser Kraft gesetzt und durch das ach so schöne Wort «sorgen» ersetzt worden, in ausgesprochen unschönen Zusammenhängen. «Sturmtief sorgt für Chaos», lesen wir auch in Qualitätszeitungen wie der «Frankfurter Allgemeinen». «Kims Leiche sorgt für Streit» (NZZ).

Wird mit terroristischen Anschlägen für «Bestürzung gesorgt», erfahren wir aus denselben Quellen, wer sich zur Urheberschaft «bekennt». Terrorbanden mit Bekennermut, Mord mit Mores, sozusagen! Dass die hinterhältigen Mörder ihre Untaten auf ihr Konto reklamieren, haben wir vor Jahrzehnten schon, zu PLO- und RAF-Zeiten, klarzustellen versucht – vergeblich, wie so viele Versuche, die Nachrichtensprache dem Kenntlichmachen zu widmen.

S o r g falt bleibt ein Luxus. Und in der Konjunktur von Social Media ist ein sachgerechtes Kennzeichnen schon kaum mehr beabsichtigt. Man sorgt sich ums Gekanntsein. Wer will denn noch des Twitterns entsagen und seine höchst persönlichen Kommentare zum Zeitgeschehen selbstquälerisch herunterschlucken! Heraus damit, frisch von der Leber weg!

Das Kommentieren einem Formgesetz zu unterwerfen, war die Schikane von vorgestern. Den entfesselt Heutigen geht’s um die Inhalte, wie sie sagen, fernab von Stilfragen. Es geht ihnen ums ungenierte Urteilen, um das Menschenrecht des Meinens als ein psychohygienisches Abreagieren. Mögen sie in allem Recht haben .., mit der Entbindung von Form und Inhalt sind sie im Irrtum.

Die Propagandisten der «leichten Sprache» versuchen’s mit einem direkten Zugriff auf die Inhalte, und die Prototypen der ebenso verkürzten Politik, Donald dort, Boris hier, bringen alles auch gleich auf «den Punkt». Sie sind legitimiert, als Spontis gewählt. Die Beliebtheit ihrer Meinungskundgabe ist ausgewiesen. Sie «vervollkommnen» eine allgemeine Tendenz zum Prestissimo des Urteilens, dem Missverständnis von Prägnanz.

Warum nur lassen wir uns von den «klaren Meinungen» dieser Machart so schnell imponieren? Meinungsmächtig ist doch schon jedes ideologische Schnauben, ist jedes ungezügelte Gefühl, das Ressentiment, die fixe Idee, die Schmähsucht, der Hass, der Wahn.

Das unbekümmert formlose Meinen geniesst ein unverdientes Prestige – entsprechend die Resonanz auf all die grossen und kleinen Meinungshuber und Maulhelden. Wäre das öffentlich sich verlautbarende Personal in Sorge um gründliche Recherche und sorgsame Deutung, um einen luziden Gedanken und ein stichhaltiges Argument, besorgt schliesslich um den adäquaten Ausdruck – wir hätten paradiesische Zustände, idealdemokratische. Meinungen, die es ermöglichen, dass wir uns ein Bild machen: Bildung. Fast nicht auszudenken, fast nicht auszuhalten!

Nein, nicht unsere subjektive Verfangenheit ist das Problem. Das Problem liegt darin, dass wir es uns – kommunikationstechnisch verführt – zu leicht machen mit der Subjektivität, dass wir die Mühe scheuen, sie in Form zu bringen. Und dass die hastigen Äusserungen im statistischen Mittel zur «öffentlichen Meinung» werden, aus der kein Common Sense hervorgehen kann.

Meinungen, um die nicht gerungen wird, sind wohlfeil. Nicht der Rede wert.

Jürg Tobler

Ehemaliger Chefredaktor in Luzern und St. Gallen


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