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Geschichte auf Englisch – eine Kritik

19. Juni 2017, 00:00

«Immersion» lautet zurzeit eines der neudeutschen Schlagworte der Reformpädagogen. Hinter der Idee des Immersionsunterrichts steht die Auffassung, man lerne eine Fremdsprache viel besser, wenn man sich mit ihr, neben dem eigentlichen Fremdsprachenunterricht, in möglichst vielen Situationen auseinandersetze. In Bezug auf das Englische findet dies im täglichen Leben, etwa bei der Arbeit am Computer oder beim Anhören der weltweit dominanten englischsprachigen Musik, statt. So weit, so gut. Seit einigen Jahren wird diese Lernsituation auch im Schulunterricht in ausgewählten Fächern genutzt. Neben Mathematik, Physik, Biologie, Wirtschaft und Recht ist es das Fach Geschichte, das in einer immer grösseren Zahl von Schulen nicht mehr deutsch, sondern englisch unterrichtet wird. Das kann nicht unwidersprochen bleiben.

Machen wir uns nichts vor: Die in Pädagogen- und vor allem in Wirtschaftskreisen vielgehörte Meinung, Englisch sei eine eher leichte Sprache, jedenfalls leichter als Französisch oder gar als Deutsch, ist eine Mär, mit der wir endlich aufräumen sollten. Englisch ist ganz im Gegenteil eine hochkomplexe, äusserst differenzierte Sprache (sie hat rund 100000 Wörter mehr als das Deutsche), die sowohl im Bereich der Grammatik als auch in dem der Idiomatik von den Lernenden sehr viel abverlangt. Und ausgerechnet in dieser anspruchsvollen Fremdsprache soll in unseren Schulen ein Fach wie Geschichte unterrichtet werden, in dem es um ein vertieftes Verständnis vielschichtiger politischer, sozialer und kultureller Prozesse geht. Das kann nicht gut gehen.

Zum einen bezweifle ich, dass Geschichtslehrer, die nicht auch Anglistik studiert haben, in der Lage sind, das Fach Geschichte auf gymnasialem Niveau englisch adäquat zu unterrichten. Da bringen auch ein paar Weiterbildungskurse nichts. Und zum andern hat schon Hans Fässler, der als Gymnasiallehrer Historiker und Anglist ist, zu Recht darauf hingewiesen, dass im Immersionsfach Geschichte «auch gute Schülerinnen und Schüler noch im Jahr vor der Matura an ihre Grenzen kommen, wenn es um das Formulieren komplexer Zusammenhänge geht».

Was bedeutet das konkret? Das bedeutet nichts weiter, als dass im Fach Geschichte eine vertiefte Bildung gar nicht mehr möglich ist, weil der zu unterrichtende Stoff irgendwo an der Oberfläche bleibt. Oder sagen wir es noch deutlicher: Das Immersionsfach Geschichte droht zum reinen Steigbügelhalter für zusätzliche Englischlektionen zu werden. Dass dabei auch die deutsche Sprache, der zahlreiche wertvolle Lektionen verloren gehen, einmal mehr zur Verliererin wird, macht das Ganze nur noch bedenklicher, zumal es an vielen Schweizer Gymnasien Vorschrift ist, dass selbst Maturaarbeiten im Fach Geschichte in Englisch verfasst und präsentiert werden müssen.

Man wird den Verdacht nicht ganz los, dass sich hinter der Idee des Immersionsunterrichts handfeste ökonomische Interessen verbergen. Englisch ist heute die Weltsprache der Wirtschaft. Über sie, wenn auch nicht ausschliesslich, zieht die Werbewirtschaft ungefiltert in unsere Bildungsinstitutionen ein. Kinder und Jugendliche sollen für die Wirtschaft fit gemacht, sollen letztlich als Konsumenten gewonnen werden. Diesem ökonomischen Endzweck hat selbst ein Kulturfach wie Geschichte zu dienen.

Schliesslich ist da noch ein weiteres Moment, das uns nicht gleichgültig lassen kann. Geschichte ist ja immer auch Kulturgeschichte, in eine bestimmte Sprache, Tradition und Mentalität eingebettet. Ist daher die Vermutung, dass hinter der Geschichte als Immersionsfach eine geheime Agenda, eine politische Absicht steckt, so verwegen? Die Absicht nämlich, Nationalstolz und Patriotismus zurückzudrängen, um die Akzeptanz für die internationale Einbindung der Schweiz, letztlich für die politische und ökonomische Globalisierung zu erhöhen. Man braucht diese Vermutung nicht zu teilen, aber man soll sie zur Kenntnis nehmen. Und darüber nachdenken.

Mario Andreotti

Professor für Neuere Deutsche Literatur und Buchautor


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