Kopf des Tages

Herr der «alten Steine»

OBERSTER HEIMATSCHÜTZER ⋅ Der emeritierte Strafrechtsprofessor Martin Killias wirbelt an vielen Fronten. Er trifft den Nerv der Zeit – und manchmal nervt er auch.
30. Juni 2017, 00:00

Balz Bruder

Es ist nicht so, dass er sich überwinden müsste, sich dem Scheinwerferlicht auszusetzen. Und es ist auch nicht so, dass ihm nicht die richtigen Worte über die Lippen kämen, wenn der Schalter denn umgelegt ist. Auch kürzlich nicht, als er, Martin Killias, in der Stadt Sempach, diesjährige Wakker-Preis-Trägerin, zum neuen Präsidenten des Schweizer Heimatschutzes gewählt wurde. Und mit Vorschusslorbeeren bedacht: «Der Schweizer Heimatschutz freut sich auf die Zusammenarbeit mit einer mehrsprachigen und engagierten Persönlichkeit, welche sich mit Überzeugung und Realitätssinn für die Verbandsanliegen einsetzen wird», tönte es nach der Wahl.

In der Tat. Auch wenn der bald 70-jährige Killias dem Publikum in erster Linie als ehemaliger Professor für Straf-, Strafprozessrecht und Kriminologie ein Begriff ist: Mit den «alten Steinen», wie er selber sagt, hat er es schon lange. Erstens, weil er in seiner Jugend schon als Talerverkäufer für den Heimatschutz weibelte. Zweitens, weil er der Organisation als Student beitrat und in Zürich Flugblätter gegen den Abbruch historischer Häuser verteilte. Drittens, weil er selber zwei von dieser Sorte – eines in seinem Wohnort Lenzburg, das andere am Lago d’Orta – unterhält. Viertens, weil er bereits den Zürcher Heimatschutz mit Ecken und Kanten präsidierte. Und fünftens, weil er überzeugt ist, dass die «alten Steine» eine Lobby brauchen – damit in der Schweiz nicht zeit- und gesichtslose «chinesische Verhältnisse» Einzug halten.

Genug Motivation also für einen, der etwas von einem umtriebigen Überzeugungstäter hat, dessen Eile und Rastlosigkeit ebenso Markenzeichen geworden sind wie die auf dem vorderen Nasenrücken sitzende Brille und der mit schwerem Material vollbepackte Rucksack. Nein, es sind nicht «alte Steine», die er mit sich herumträgt, sondern «Ziegel» von Büchern und Papieren. Killias, seit seiner Emeritierung Eigentümer und Geschäftsführer eines Research- und Consultingunternehmens, wirbelt wie eh und je. Er forscht (und lässt forschen), er publiziert, er kommentiert, er mischt auf (und sich ein), er polarisiert, irritiert und verblüfft. So eben, wie es ihm gefällt.

Auch wenn es nicht immer ganz im Sinn derer ist, für die er in den Kampf zieht. Die Sozialdemokraten zum Beispiel, für die er zweimal erfolglos für den Nationalrat kandidierte, haben nicht immer eitel Freude, wenn der Professor die Partei- zur Schlangenlinie macht. Da löckt er nicht aus Prinzip, aber mit Lust wider den Stachel. Und geniesst den Kantengang zwischen inhaltlichem Argument und wohldosierter Provokation amüsiert. Oder, wie die NZZ einst schrieb: «Tatsächlich ist Killias eine Mischung aus konservativem Bergler und linksliberalem, kosmopolitischem Gelehrtem, der mit seinen Thesen immer wieder aneckt, aber auch den Nerv der Zeit trifft.»

Und die rinnt ihm noch immer durch die Finger. Sei es als Wissenschafter, sei es als Gastprofessor in Luzern und St.Gallen, sei es als oberster Heimatschützer, sei es als Teilzeit-Sozialdemokrat, sei es als Lokalgrösse, welche die örtliche Parteisektion ebenso schon präsidiert hat wie die Kirchenpflege. Fast vergessen: Schliesslich ist Killias nicht nur mit den «alten Steinen», sondern auch mit einer reformierten Pfarrerin verheiratet.


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