Kalt, teuer, steril

JAHRESTAG ⋅ Misstrauen, Wortbruch und Einmischung – zwei Jahrzehnte nach der Rückgabe der britischen Kronkolonie an China sind viele Hongkonger enttäuscht von den Versprechen, die ihnen Peking einst gemacht hatte.
30. Juni 2017, 00:00

Felix Lee, Hongkong

Lim Tai kommt verschwitzt ins Café ­geeilt. Sein luftiges T-Shirt ist nass. Schweissperlen tropfen ihm von der Stirn. Trotzdem zieht er sich sofort eine Jacke über. «Die Klimaanlage», sagt er. Sie werde hier in der Innenstadt immer besonders kalt aufgedreht. Draussen herrschen schwülheisse 35 Grad. In den Restaurants und Einkaufszentren sind es kalte 17. «Die Eiseskälte der Innenstadt. Sie ist berüchtigt», sagt er und bestellt ein Heissgetränk.

Damit ist er auch schon beim Thema. Er fahre nur noch selten in die Innenstadt von Hongkong, der vorgelagerten Insel, auf welcher sich auf aufgeschüttetem Land ein glitzernder Bankturm neben den anderen reiht. Dazwischen jede Menge überklimatisierte Fünfsternehotels, Restaurants und Luxusgeschäfte. Ihm sei die Innenstadt «zu steril, kalt und teuer».

Lim Tai ist Lehrer. Mitte der Neunzigerjahre war er mit seinen Eltern in die New Territories gezogen, dem bergigen Hinterland der chinesischen Sonderverwaltungszone. In Wohnsilos – die Hongkong noch unter britischer Verwaltung en masse hochgezogen hatte, in weiser Voraussicht auf den absehbaren Zuzug von Festlandchinesen. Nun haben reiche Festlandchinesen mit ihren Immobilienkäufen die Preise in der Innenstadt in ­astronomische Höhen getrieben. Lim wohnt am Rande der Sonderverwaltungszone – bei seinen Eltern. Eine eigene Wohnung kann er sich nicht leisten. «Ich bewohne das gleiche Sechs-Quadratmeter-Kinderzimmer wie vor 20 Jahren.»

Chinas Präsident ist zum ersten Mal hier

Hongkong, am 1. Juli 1997. Nach über 150 Jahren britischer Herrschaft wird die Kronkolonie mit dem Flaggenwechsel zur chinesischen Sonderverwaltungszone. Nach dem Prinzip «Ein Land, zwei Systeme» garantiert Chinas Führung Hongkong 50 Jahre Rechte, die es in der Volksrepublik nicht gibt, darunter Meinungsfreiheit, eine unabhängige Justiz – und die Aussicht auf freie Wahlen.

Das ist mittlerweile 20 Jahre her. Am Samstag wird die Übergabe gefeiert. Chinas Staatschef Xi Jinping wird an diesem Wochenende das erste Mal in seiner Amtszeit Hongkong einen Besuch abstatten. Rote Fahnen schmücken die Strassen. Doch vielen Hongkongern ist nicht zum Feiern zumute. Sie klagen über astronomische Mieten und überteuerte Geschäfte, die ausgerichtet sind auf reiche Festlandchinesen, die an ­Wochenenden zu Zehntausenden nach Hongkong strömen. Alteingesessene ­Lokale und Lebensmittelgeschäfte sind derweil verschwunden.

Doch während die Vorbereitungen für die Feierlichkeiten auf Hochtouren laufen, haben auch die Proteste begonnen. Demokratie-Aktivisten um den Studentenführer Joshua Wong verhüllten zu Beginn der Woche mit einer schwarzen Fahne eine Statue, die Hongkongs Rückgabe an die Volksrepublik symbolisiert. «Lüge», skandieren die Demonstranten. «Ein Land, zwei Systeme» habe es nie gegeben. Kurze Zeit später werden sie abgeführt.

«Ein Land, zwei Systeme» – diesen Grundsatz hatte Grossbritannien mit der chinesischen Führung unter dem damaligen Reformer Deng Xiaoping ausgehandelt. Bis 2047 sollten die Hongkonger ihre Institutionen behalten, ihre eigene Währung, ein autonomes Zoll- und Steuergebiet. «Wenn ich gewusst hätte, wie es tatsächlich kommen wird, hätte ich das Amt nie angenommen», sagt ­Anson Chan heute. Die 77-Jährige sitzt in einem kleinen Büro nicht weit vom Victoria Park, wo seit 20 Jahren jedes Jahr am 1. Juli, dem Jahrestag der Übergabe, protestiert wird. Sie war damals als Verwaltungschefin Hongkongs Nummer zwei, hatte unter dem letzten britischen Gouverneur gedient und blieb nach der Übergabe weitere vier Jahre. Sie galt als Garantin dafür, dass Hongkong so bleibt wie es war.

Kann man gegen das Volk regieren?

Anfangs habe sie die Einmischungsversuche des Pekinger Verbindungsbüros nur graduell mitbekommen. Doch schon unter ihren Nachfolgern wurde die Einflussnahme immer offensichtlicher. Heute gebe das Verbindungsbüro unverhohlen vor, wer die Spitzenposten bekleiden darf und was die Medien zu berichten haben. Viele Hongkonger haben die Stadt verlassen. So auch Lims Tanten und Onkel. Viele Hongkonger Unternehmer verlagerten ihre Fabriken nach drüben, aufs Festland.

Und nun? Ganz hat Lim die Hoffnung nicht aufgegeben. Auf Dauer kann niemand gegen das eigene Volk regieren. Am Samstag geht er demonstrieren.


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