Land der Autos

VERKEHR ⋅ Bus, Tram und Zug haben zwar aufgeholt, doch das mit Abstand wichtigste Verkehrsmittel in der Schweiz ist nach wie vor das Auto. Oft sitzt darin kaum mehr als eine Person. Das soll sich ändern.
17. Mai 2017, 00:00

Dominic Wirth

37 Kilometer Distanz, über 90 Minuten verteilt, und das jeden Tag: Die Schweizer sind ganz schön oft auf Achse. Das zeigen neue Zahlen des Bundes, der die Mobilität der Bevölkerung im Jahr 2015 untersucht hat. Im Vergleich zu 2010 ist zwar nicht viel passiert; die Zahl der pro Person zurückgelegten Meter ist nur minim gewachsen. Doch weil die Bevölkerung wächst und auch aufgrund des Transitverkehrs, nimmt der Verkehr in der Schweiz trotzdem ständig zu. Die bei fast 60000 Personen erfragten Zahlen zeigen daneben auch: Die Schweiz ist nach wie vor vor allem ein Autoland – auch wenn der öffentliche Verkehr in den letzten Jahren aufgeholt hat.

So wurden auch im Jahr 2015 noch rund zwei Drittel der Wege im Land mit dem Auto bewältigt. Das ist zwar etwas weniger als 1994. Damals entfielen noch fast 70 Prozent auf den motorisierten Individualverkehr. Doch der öffentliche Verkehr spielt im Vergleich dazu nach wie vor eine untergeordnete Rolle, auch wenn er in den letzten Jahren zugelegt hat. Mittlerweile ist er für ein knappes Viertel der zurückgelegten Distanzen im Land verantwortlich; 1994 waren es noch 17,8 Prozent.

ÖV-Hochburg Deutschschweiz

Die Schweiz, ein Land der Autofahrer: Das zeigt sich auch an der Zahl der Menschen, die hierzulande einen Führerausweis besitzen. 2015 waren das 82 Prozent – und damit 5 Prozent mehr als noch 1994. Das liegt vor allem daran, dass immer mehr Personen über 65 Auto fahren. Und auch bei den Jungen legt das Auto wieder zu: Nachdem die 18- bis 24-Jährigen lange Zeit immer weniger Interesse am Autofahren gezeigt hatten, stabilisierte sich die Führerausweisquote zuletzt. 2015 lag sie bei 61 Prozent, nachdem sie zwischen 1994 und 2010 von 71 auf 59 Prozent gesunken war.

Gerade für Menschen, die auf dem Land oder in kleineren Agglomerationen zu Hause sind, ist das Auto unverzichtbar. Wer ausserhalb einer Agglomeration lebt, hat in 87,8 Prozent der Fälle ein Auto im Haushalt. Schweizweit ist das in 78 Prozent der Haushalte so, in nahezu jedem dritten stehen gar zwei oder mehr Autos zur Verfügung. Wenn man jene Schweizer dazuzählt, die nach Absprache ein Auto nutzen können, haben 94 Prozent der Schweizer mit Führerausweis die Möglichkeit, sich auf diese Art fortzubewegen.

Ein ÖV-Abonnement besitzen im Vergleich dazu rund 57 Prozent der Wohnbevölkerung. Meistens handelt es sich dabei um ein Halbtax-Abo, das auf eine Verbreitungsquote von 36,5 Prozent kommt. Ein GA haben rund 10 Prozent der Schweizer gelöst. Auffällig ist die ÖV-Affinität der Deutschschweizer: Während hier 62 Prozent ein ÖV-Abo besitzen, sind es in der Westschweiz nur 46 und im Tessin gar nur 29 Prozent.

Dem Auto kann in der Schweiz aber nach wie vor kein Verkehrsmittel auch nur annäherungsweise das Wasser reichen. Allerdings ist der hiesige Fuhrpark nur spärlich ausgelastet. So waren 2015 pro Auto durchschnittlich nur 1,56 Personen unterwegs, das ist im Vergleich zum Jahr 2010 sogar ein leichter Rückschritt. 1994 betrug der Besetzungsgrad, wie die Statistiker den entsprechenden Wert nennen, noch 1,64 Personen. Wenn die Schweizer zur Arbeit fahren, machen sie das sogar fast immer allein: In 92 Prozent der Fälle sitzt auf Arbeitswegen nur eine Person im Auto. Vor diesem Hintergrund erstaunt es nicht, dass 2015 mehr Menschen als noch 2010 angaben, bei der Fahrt zur Arbeit oder zur Ausbildung im Stau zu stehen. Während vor fünf Jahren noch 18 Prozent einmal in der Woche nicht vorwärtskamen, sind es nun bereits 23 Prozent. 8 Prozent geben gar an, täglich in einen Stau zu geraten.

Die meisten Kilometer für die Freizeit

Volle Strassen, verursacht von leeren Autos: Das ist schlecht für die Umwelt, und beim Verkehrs-Club Schweiz (VCS) hat man dafür kein Verständnis. Sprecher Matthias Müller hofft, dass die Schweiz sich die Chancen der Digitalisierung zu Nutze macht – und etwa mit Carpooling und Carsharing Druck von den Strassen nehmen kann. «Beides steckt in der Schweiz derzeit noch in den Kinderschuhen, aber das Potenzial ist riesig», sagt Müller. In seinen Augen braucht es Plattformen, die einfach zu bedienen sind, aber auch staatliche Anreize, etwa steuerliche Abzüge für jene, die ihre Autos gut auslasten. Der Bund will in Sachen Carpooling schon mal mit gutem Beispiel vorangehen: Das Departement für Umwelt, Verkehr, Energie und Kommunikation entwickelt derzeit ein Projekt, das 1600 Mitarbeiter am Standort in Ittingen dazu bewegen soll, auf dem Weg zur Arbeit vermehrt Fahrgemeinschaften zu bilden.

Allerdings ist es nicht das Pendeln zum Job, das die Schweizer am intensivsten auf Trab hält. Die meisten Kilometer legen sie für ihre Freizeit zurück, 2015 waren es 16,3 – also fast die Hälfte der Gesamtdistanz.

«Carpooling und Carsharing stecken in der Schweiz noch in den Kinderschuhen, aber das Potenzial ist riesig.»

Matthias Müller

Sprecher VCS


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