Randnotizen und Kritzeleien

Mach dieses Buch fertig!

03. Juli 2017, 00:00

Früher ging es auch ohne. Man brauchte keine Anleitung zum Spasshaben und Kreativsein – wozu sich Reclam-Hefte ja durchaus eignen. Selbst wenn die Suche nach dem berühmten Satz in Goethes «Götz von Berlichingen» manchem zäh erschien: da wurde eben «Kotz von Brechlingen» aus dem Titel. Oder «Kaba und Liebe», «Die Verwanzung», «Nathan der Weisenknabe». Rechtschreibung? Nebensache!

Zumindest auf dem gelben Einband war Platz für eigene Ideen; es mussten nicht unbedingt grosse Gedanken sein. Generationen von Gymnasiasten hat das leichtgewichtige Format zu Kalauern und Kritzeleien inspiriert. Leider verschwanden die besten davon bald nach Rückgabe des Klassensatzes; der Nachwuchs sollte sich den Klassikern unvoreingenommen nähern dürfen. Etliche schafften es gar in ein extra Reclam-Heft: den Ausstellungskatalog des Museums für Gedankenloses.

Stichproben aus meinem privaten Bestand, insgesamt ein paar Regalmeter, liefern wenig Museumsreifes, nicht einmal Denkwürdiges. Doch lassen sie tief blicken. Etwa auf akademische Moden, mit denen sich Oberstudienrätinnen seinerzeit aufdonnerten. Beispiel «Werther», Seite 1, dick eingekringelt: «Mutter». Randnotiz: «Ödipus-Komplex!»

Es passt zum Zeitgeist, dass zum 150. ein Band «Reclam und du» erscheint, zum Ausfüllen und Malen. Nein, danke. Das geht auch mit dem «Götz».

Bettina Kugler


Leserkommentare

Anzeige: