Näher an der Deutschschweiz als an der Romandie

01. Juli 2017, 00:00

Tessin Die Tessiner FDP-Grossrätin Natalia Ferrari sprach dieser Tage Klartext. In einem Interview mit dem Westschweizer Radio erklärte sie in Bezug auf die Nachfolge von Didier Burkhalter: «Die Parteileitung muss verhindern, dass es zu einer Konfrontation zwischen Welschen und Tessinern kommt. Und die Westschweizer müssen verstehen, dass dieses Mal die Tessiner an der Reihe sind.» Das Interview wirbelte einigen Staub auf. Eine junge Politikerin aus dem Tessin erlaubte sich, den Welschen den Tarif durchzugeben.

Dabei ging es im Kern um ein Thema, das bei Bundesratsersatzwahlen und Ansprüchen aus dem Tessin regelmässig diskutiert wird: Wie ist das Verhältnis zwischen West- und Südschweiz? Gibt es so etwas wie eine Solidarität der lateinischen Schweiz?

Studieren in der Romandie

Die Affinität des Tessins zur Westschweiz besteht vor allem in der Sprache. Das Italienische liegt dem Französischen als romanische Sprache natürlich näher als das Deutsche. Bis heute wird Französisch in der Tessiner Primarschule als erste Fremdsprache gelehrt. In der Sekundarschule entfällt das Obligatorium zu Gunsten von Deutsch und Englisch, doch viele Studierende aus dem Tessin gehen gerne nach Lausanne, Genf, Neuenburg oder Freiburg, weil es für sie dort sprachlich einfacher ist als in der deutschen Schweiz. Sie können sich im Alltag leichter integrieren als in der von Mundart geprägten Deutschschweiz. «Wir profitieren als Tessiner sogar von einem Sympathiebonus», meint Laura, eine junge Hebamme aus Locarno, die soeben ihre Ausbildung in Genf abgeschlossen hat.

Eine Nähe zeigt sich insbesondere im sozialen und im kulturellen Bereich. So gibt es Gremien wie die Interkantonale Konferenz der Erziehungsdirektoren der Romandie und des Tessins oder eine analoge Konferenz der Berufsbildungsämter. Geogra-fisch aber ist es kompliziert. Es gibt nicht einmal eine Grenze des Tessins zum französischsprachigen Landesteil. Das Oberwallis liegt dazwischen. Eine Fahrt vom Tessin nach Lausanne oder Genf dauert etliche Stunden. Die räumlichen Verhältnisse haben Folgen. Marco Solari, Präsident des Filmfestivals Locarno und langjähriger Präsident von Ticino Tourismus, sagt: «Das Tessin ist für die Westschweizer eigentlich ein unbekanntes Land.» Durch die Gotthardachse sei das Tessin wesentlich näher mit der deutschen Schweiz verbunden.

Die Schweiz der Solidarität ist Geschichte

Unter solchen Umständen kann eigentlich keine Solidarität zwischen West- und Südschweiz entstehen, es sei denn, die beiden grössten Sprachminderheiten ­haben ein gemeinsames Anliegen gegenüber der deutschen Schweiz. Der Tessiner Politologe Oscar Mazzoleni, Leiter des Zentrums für Regionalpolitik an der Universität Lausanne, hält die Rede von Solidarität indes für verfehlt: «Heute ist es besser, zu fragen, ob es gemeinsame Interessen gibt.» Zumal der Bund durch seine Regionalpolitik den Wettbewerb zwischen den Regionen verstärkt habe. Die Schweiz der Solidarität sei Geschichte.

Auch die Frage des Minderheitenverständnisses spaltet. Im Tessin herrscht der Eindruck, dass die französische Schweiz gerne die italienische Schweiz mitvertreten will. Umgekehrt lasse es die Romandie aber nicht zu, durch eine andere Minderheit vertreten zu werden. Der langjährige Tessiner Ständerat Dick Marty hat die Erfahrung gemacht, «dass von einer lateinischen Solidarität schlicht keine Rede sein kann». Als Beispiel nennt er das Abstimmungsverhalten zu den Bundesgerichtsstandorten, als die Westschweiz für Aarau und gegen Bellinzona votierte.

Gerhard Lob, Bellinzona


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