Schatten der Vergangenheit

18. Mai 2017, 00:00

Hinrichtungen Das Massaker gehört zu den dunkelsten Kapiteln der Islamischen Republik. «Die Geschichte wird uns dafür verurteilen, eure Namen werden in die Annalen der Menschheit eingeätzt werden als Verbrecher», ist auf dem Tonband die erregte Stimme von Ajatollah Hossein Ali Montazeri zu hören. «Das ist das grösste Verbrechen in der Islamischen Republik!», rief er aus, was die Zuhörer in dem Raum teils mit Gelächter, teils mit eisigem Schweigen quittierten. Scharf kritisierte er auch «den kurzen Prozess» gegen die Oppositionellen, «der in manchen Fällen nur ein paar Minuten» gedauert haben soll.

Mit diesem spektakulären Auftritt war der hohe Geistliche 1988 der einzige führende Politiker, der gegen die Massenhinrichtung von etwa 4000 Regimegegnern protestierte, die Staatsgründer Ajatollah Ruhollah Chomeini durch zwei Fatwas angeordnet hatte. Montazeri sollte dafür teuer bezahlen. Die mutige Philippika kostete ihn die bereits offiziell vereinbarte Nachfolge von Chomeini als Revolutionsführer und damit das höchste Amt im Staat. Er fiel in Ungnade und stand bis zu seinem Tod im Dezember 2009 unter Hausarrest. Sein Sohn Ahmad wurde «wegen falscher Propaganda gegen die Regierung» zu 21 Jahren Haft verurteilt, nachdem er im August 2016 das brisante 40-minütige Tonband mit der Protestrede seines Vaters ins Internet gestellt hatte. Doch bereits einen Tag nach seinem Gefängnisantritt am 22. Februar 2017 erhielt er Haftverschonung.

Mit der Präsidentschaftskandidatur von Ebrahim Raisi wurde diese barbarische Blutjustiz vor knapp dreissig Jahren erstmals zu einem öffentlichen Thema im Iran. Denn der 56-jährige Kleriker gehörte als junger Staatsanwalt zu der vierköpfigen Kommission, die damals die Todesurteile verhängte und die Montazeri am 15. August 1988 mit seiner scharfen Kritik zur Vernunft bringen wollte. Raisi, der als härtester Konkurrent von Amtsinhaber Hassan Rohani gilt, ist heute Chef der grössten religiösen Stiftung und damit einer der mächtigsten Männer des Landes. Das Milliardenbudget seines frommen «Astan Quds Razavi»-Imperiums, das die Gelder des Imam-Reza-Mausoleums in der Pilgermetropole Ma­shad kontrolliert, hat Dimensionen eines Schattenhaushaltes.

«Zeiten von Gewalt und Extremismus sind vorbei»

«Das iranische Volk wird solche Leute ablehnen, die in den letzten 38 Jahren hauptsächlich über Gefängnisse und Exekutionen entschieden haben», geisselte Rohani seinen Gegenspieler auf einer Wahlkampfveranstaltung im Stadion von Hamedan, ohne Raisi beim Namen zu nennen. Doch jeder im Iran weiss, auf wen diese Sätze gemünzt sind. Zumal der 77-jährige Revolutionsführer Ali Chamenei offenbar plant, Raisi als seinen Nachfolger an der Staatsspitze aufzubauen. «Die Zeiten von Gewalt und Extremismus sind vorbei», konterte Rohani, setzte gleich noch eins drauf und forderte, die Präsidentschaftskandidaten Mir Hossein Mousawi und Mehdi Karroubi von 2009 freizulassen.

Nicht nur Raisi, auch die anderen drei Mitglieder der sogenannten Todeskommission wurden niemals belangt – darunter Justizminister Mostafa Pour Mohammadi aus Rohanis Kabinett und der Vizepräsident des Verfassungsgerichtes, Hussein Ali Nayeri. «Das Ganze ist ein Teil der Geschichte, den das iranische Volk bisher noch nie hören durfte», urteilt der in Norwegen lebende Menschenrechtler Madyar Samienejad. Alle an dem Massaker von 1988 Beteiligten seien nach wie vor an der Macht. «Die hohe Zahl von Exekutionen im heutigen Iran entspringt der gleichen Mentalität.»

Martin Gehlen, Kairo


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