Kopf des Tages

Sie verkauft die «Heiligen»

FUSSBALL ⋅ Katharina Liebherr, Premier-League-Klubbesitzerin, hat genug. Die Schweizerin will Southampton FC nach China verkaufen.
15. Mai 2017, 00:00

Die englische Premier League ist eine Geldmaschine der Superlative. Vergangene Saison nahm die Liga fast 5 Milliarden Franken ein. Es geht um Top-Fussball, TV-Begeisterung und ein perfektes Marketingprodukt. Mittendrin steht eine Schweizerin: Katharina Liebherr, Enkelin des Gründers des Liebherr-Imperiums und Besitzerin des Premier-League-Klubs Southampton FC.

14 der 20 Premier-League-Klubs sind in ausländischer Hand. Die Besitzer sind schwerreiche Russen, Amerikaner, Chinesen und eine einzige Frau: Katharina Liebherr, 45, gehören die «Saints», die «Heiligen», wie ihr Fussballklub von der Südküste am Solent auch genannt wird. Doch das Engagement, das sie geerbt hat, könnte ein Ende haben. ­Unlängst versuchte sie, die «Saints» an chinesische Investoren zu verkaufen. Das gestaltet sich schwieriger als gedacht.

Katharina Liebherr war zum Southampton FC gekommen wie die Jungfrau zum Kind. Ihr Vater, Herr über einen der grössten Bau­maschinen-Hersteller der Welt, Markus Liebherr, hatte den maroden Klub im Jahr 2009 für rund 18 Millionen Franken gekauft. Die für ihren Reichtum und Erfolg bekannte und in Zurückgezogenheit lebende Familie stand plötzlich im Rampenlicht – und damit auch Katharina.

Vater Markus war immer auf der Tribüne in St. Mary’s, der Heimat der «Saints». 2010 verstarb er nach einem Herzinfarkt. Tochter Katharina hatte den Fussballklub zu übernehmen. Mit dem Liebherr-Konzern verbindet Katharina dabei hauptsächlich noch ihr Name. Ihr Vater hatte die meisten seiner Anteile den Geschwistern übergeben und 1994 die Mali International AG mit Sitz in Freiburg eröffnet.

Mit dem plötzlichen Tod ihres Vaters lag es an Katharina, dessen «Vision» fortzuführen, wie es in einer Mitteilung von Mali hiess. Dazu gehörte, trotz anfänglichen Zögerns, die Führung des englischen Premier-League-Klubs zu übernehmen – wobei das Zögern mehr mit Trauerarbeit als mit ihrer Begeisterung für Fussball zu tun hatte. Wie ihr Vater war auch Katharina eine begeisterte «Saint». Sie zeigt sich oft auf der Tribüne und winkt den Fans und Spielern zu. Katharina ist eine der Ihren. Dann, Anfang Jahr, die Nachricht aus heiterem Himmel: Aus China war bekannt geworden, dass der 1885 gegründete Traditionsklub an chinesische Investoren verkauft werden soll. Kolportierter Verkaufspreis: 270 Millionen Franken.

Die Fangemeinde war in Aufruhr und fürchtete um die Zukunft des Klubs. Katharina Liebherr schrieb den Fans einen Brief. Der wachsende Konkurrenzkampf sei hart. Der Verkauf sei unvermeidlich, um den Klub «zu entwickeln und nach neuen Märkten für wirtschaftliches Wachstum und Innovation Ausschau zu halten». Diese Zukunft liegt offenbar in China. Das Marktpotenzial ist enorm. Das weiss auch der potenzielle «Saints»-Käufer Lander Holding, Erbauer von Sportstadien in China und im Besitz von Gao Jisheng, 65, der einst Staatsfabriken führte und mit Immobilien ein Vermögen machte. Er steht Staat und Partei nahe.

Doch der Deal ist noch nicht in trockenen Tüchern. Mitte April machte Lander Holding einen Rückzieher und bat um mehr Zeit. Es sei unklar, ob der Kauf abgeschlossen werden könne. Offizieller Grund: Unklarheiten wegen Änderungen in Chinas Finanzpolitik. Inoffizieller Grund: Lander Holding kann die Herkunft des Geldes nicht klar darlegen.

Das kommt einem bekannt vor. Chinesische Konsortien scheiterten schon in der Vergangenheit an den strikten Auflagen der Premier League, wonach ein Klubkäufer «fit and proper» zu sein hat, was so viel wie «qualifiziert und passend» bedeutet. Sie wolle das Beste für den Klub, sagte Katharina Liebherr. Zum Besten gehören auch die Einnahmen aus den Fernsehrechten. Sie betragen allein 20 Milliarden Franken für die nächsten drei Saisons. Nur den besten Klubs der reichsten Fussballliga der Welt winken dabei die lukrativen Tantiemen. Das führt zu Verlockungen, die bis nach China reichen. Es geht um Prestige. Und Risiko. Und viel Geld.

Daniel Kestenholz


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