Stadler Rail erhöht das Tempo

Gotthard-Züge Der Schweizer Schienenfahrzeugbauer liegt mit dem SBB-Auftrag für den Nord-Süd-Verkehr auf Kurs. Stadler-Patron Peter Spuhler will die Hochgeschwindigkeitszüge auch ins Ausland verkaufen.
19. Mai 2017, 00:00

Thomas Griesser Kym

Vier Jahre hat Stadler Rail aufgeholt. Vier Jahre gegenüber Konkurrent Bombardier. Während dieser mit seinen Doppelstöckern für den Ost-West-Fernverkehr der SBB derart lange im Verzug ist, liegt Stadler mit seinem Hochgeschwindigkeitszug EC250 Giruno für den grenzüberschreitenden Verkehr durch den Gotthardtunnel voll im Zeitplan. Gestern hat Firmenchef und Inhaber Peter Spuhler am Hauptsitz im thurgauischen Bussnang den ersten Giruno präsentiert im Beisein von SBB-Chef Andreas Meyer und Bundesrätin Doris Leuthard.

30 Monate haben die Mitarbeitenden von Stadler benötigt, um den Zug neu zu entwickeln und zu bauen. Laut Spuhler ist das rekordverdächtig schnell. 29 dieser elfteiligen Züge haben die SBB bestellt für annähernd eine Milliarde Franken. Ab Ende 2019 sollen sie Basel respektive Zürich mit Mailand verbinden. Später, frühestens ab 2020, ist auch eine Anbindung Basels an Frankfurt geplant. Dank seines Spitzentempos von 250 km/h verkürzt der Giruno die Reisezeit von Zürich nach Mailand um gut eine Stunde auf drei Stunden oder von Basel nach Lugano um fast eine Stunde auf unter drei Stunden.

Bis Anfang 2018 erhalten die SBB von Stadler sukzessive die ersten sechs Züge mit je 405 Sitzplätzen. In Doppeltraktion sind es doppelt so viele. Kommenden Juli beginnen ausgiebige Testfahrten. Geht alles glatt, beginnt im August 2018 das Zulassungsverfahren, das im März 2019 abgeschlossen sein sollte. Stadler benötigt die Zulassung für vier Länder – Schweiz, Deutschland, Italien und Österreich –, und die Züge sind für den Verkehr in diesen Ländern mit drei verschiedenen Stromsystemen bestückt.

Stadler Rail sieht Chancen im Exportgeschäft

Mit der SBB-Bestellung hat Spuhler einen Referenzauftrag aus dem Heimmarkt erhalten. Weitere Order, so die Hoffnung, sollen folgen. Zum einen haben die SBB eine Option auf den Kauf von bis zu 92 zusätzlichen Giruno. Zum anderen will Spuhler das Hochgeschwindigkeitsgeschäft internationalisieren. So sieht er mit dem EC250 «Chancen, die eine oder andere Ausschreibung in Europa zu gewinnen», analog den Exporterfolgen mit seinen Intercity- und Regionaltriebzügen des Typs Flirt und Stadlers S-Bahnen des Typs Kiss. Spuhler sagt, er habe für den EC250 bereits «zwei oder drei Interessenten», doch vorerst warteten diese ab und wollten sehen, wie sich der Gotthard-Zug bewährt. Explizit kein Thema ist für Spuhler Superhochgeschwindigkeit bis 350 km/h, was nochmals eine andere Liga sei.

Der Giruno setzt laut Meyer «neue Massstäbe». Zur Ausstattung gehören Niederflureinstieg, Steckdosen an allen selbst entwickelten Sitzen unterhalb der Armlehnen, WLAN, Pissoirs, Multifunktionsabteile oder Familienabteile, welche die Facetten der Schweiz zeigen. Auch erfülle der Zug alle Anforderungen des Behindertengleichstellungsgesetzes. Auf einer Probefahrt fällt zudem die Laufruhe auf. Der Lieferanteil aus der Schweiz beträgt laut Stadler 80 Prozent.

Über den Geschäftsgang befragt, spricht Spuhler von einem guten Arbeitsvorrat. 2016 sei der Auftragseingang sehr gut gewesen, und 2017 sei man ebenfalls sehr gut unterwegs: In der Schweiz seien Stadlers Werke in Bussnang, Altenrhein SG und Winterthur mit insgesamt 3000 Beschäftigten gut ausgelastet. Die Fabrik im weissrussischen Minsk erhole sich langsam, auch weil der sachte Anstieg der Rohstoffpreise Bahnfinanzierungen in Russland wieder einfacher mache. Noch zu wünschen übrig lasse die Auslastung des Werks in Valencia. Spuhler hofft hier auf die erwartete Ausschreibung der spanischen Staatsbahn Renfe für bis zu 400 Regional- und S-Bahn-Züge. Die Konkurrenz wird angesichts der Mitbewerber wie Talgo, CAF, Siemens, Als­tom oder Bombardier aber hart sein.


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