Chefsache

Verdrängung

13. Mai 2017, 00:00

Konkreten Handlungsbedarf gibt es keinen. Nichtsdestotrotz haben die Linken im Luzerner Stadtparlament per Vorstoss verlangt, einen Grundsatzentscheid zwischen den beiden Milliardenprojekten Tiefbahnhof und Autobahnumfahrung Bypass zu fällen. Mittels Stichentscheid und mit Verweis auf «die aktuelle Stimmung» gilt für die Stadt Luzern nun diese Priorisierung: Tiefbahnhof vor Bypass. Ein unnötiger Entscheid, da die Planungen beim Bund parallel laufen und die Projekte aus unterschiedlichen Kassen gespiesen würden. Nun, der Entscheid von Stadtrat und Parlament ist auch eine konsequente Weiterführung hiervon: dem Abwürgen einer öffentlichen, demokratischen Debatte für eine Parkhausidee zur Lösung des Carproblems in der Innenstadt.

Priorisierung auch hier: Die Langsamverkehrsachse auf dem alten Zentralbahntrassee ist inzwischen ein «Velo-Highway» geworden. Für dessen heutige Eröffnungsfeier, offiziell das «Velofest Luzern Süd», lassen Luzern und Kriens mit allen indirekten Leistungen wohl gegen eine Viertelmillion springen. Von den Fussgängern redet kaum mehr einer. Wohlverstanden: Velos gehören gefördert, aus ökologischen Gründen ebenso wie aufgrund ihrer verkehrstechnischen Effizienz in einer Zentrumsstadt mit ihren Stau­problemen zu Stosszeiten. Die Verpolitisierung des Zweirads – ich sage das als fast täglicher Velofahrer – scheint mir aber recht kontraproduktiv.

ÖV und Velos hui – motorisierter Individualverkehr pfui. Es ist bedauerlich, dass im Zentrum der Zentralschweiz derzeit bewusst eine Verdrängungs- statt eine konstruktive Förderungspolitik betrieben wird. Eine langfristige, auf Prosperität und Lebensqualität fokussierte Verkehrspolitik muss sich auch um Ausgleich bemühen.

Jérôme Martinu, Chefredaktor

jerome.martinu@luzernerzeitung.ch


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