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Verkaufen wir Deutsch unter Wert?

29. Juni 2017, 00:00

Immer wenn ich von einer Auslandreise in die Schweiz zurückfliege, freue ich mich auf deutsche Zeitungen an Bord, die ich dann ausgiebig lese. Bei meinem letzten Flug drehten sich erstaunlich viele Artikel um die deutsche Sprache, genauer gesagt, um die Rolle des Deutschen im In- und Ausland. Deutsch soll ins Grundgesetz, las ich da in der «Süddeutschen Zeitung». Zuwanderer sollen Deutsch können, finden jetzt auch Politiker links der Mitte. Und wieder einmal plädierte irgendein Minister dafür, dass Deutsch in der EU eine wichtigere Rolle spielen solle.

Das freut mich im Grunde. Gleichzeitig ärgere ich mich über die immer gleichen, scheinheiligen Debatten. Deutsch ist mit rund 110 Millionen Muttersprachlern zwar die meistgesprochene Sprache in der EU und hat, ausser Englisch, mehr Personen, die es als Fremdsprache sprechen, als jede andere Sprache. Es gehört zu den zehn wichtigsten Sprachen der Welt.

Doch die sprachpolitische Realität ist eine andere: Deutsch wird in der EU, zu Gunsten von Englisch und Französisch, systematisch diskriminiert. Für jeden EU-Kommissionspräsidenten sind gründliche Englischkenntnisse unabdingbar. Das Gleiche gilt abgeschwächt für Französisch. Die deutsche Sprache bleibt dagegen verzichtbare Dekoration. Dabei liegt das deutsche Sprachgebiet im geografischen Zentrum der EU, leisten seine Bewohner den grössten Beitrag zu deren Wirtschaft und Budget. Die institutionelle Bedeutungslosigkeit der deutschen Sprache ist unverständlich.

Zu all dem kommt, dass Deutsch auch als Wissenschaftssprache flächendeckend auf dem Rückzug ist. In den Naturwissenschaften ist spätestens seit 1980 keine wichtige Arbeit mehr auf Deutsch erschienen. Auch die Geisteswissenschaften verlieren zunehmend ihre im 16. Jahrhundert gegen das Latein erkämpfte Mehrsprachigkeit. Die Fächer, in denen deutsche Publikationen noch eine wichtige internationale Rolle spielen, lassen sich an einer Hand abzählen. Die Zeit, in der Deutsch als Weltsprache der Geisteswissenschaften galt, scheint vorbei zu sein. Dass der Verlust der Sprachenvielfalt, weil das Englische alle andern Sprachen verdrängt, nicht nur den Wettbewerb zu Gunsten der englischsprachigen Forscher verzerrt, sondern darüber hinaus auch den wissenschaftlichen Fortschritt behindert, muss uns zu denken geben.

Dass die deutsche Sprache im Gefüge der Weltsprachen heute eine unterschätzte Rolle spielt, hat nicht zuletzt historische Gründe. Durch ihre zentrale Lage in Europa stand sie über Jahrhunderte unter dem starken Einfluss anderer Sprachen. Bis ins 12. Jahrhundert war dies das Lateinische, vom 16. bis ins 18. Jahrhundert wurde der Einfluss des Französischen besonders stark, sodass Französisch in Deutschland die Sprache des gesellschaftlichen Umgangs war. Bekannt geworden sind Voltaires Worte, die er 1750 aus Potsdam schrieb: «Ich befinde mich hier in Frankreich. Man spricht nur unsere Sprache; das Deutsche ist für die Soldaten und die Pferde.»

Auch als Wissenschaftssprache war Deutsch lange verfemt, galt es doch für wissenschaftliche Gedankengänge als nicht entwickelt genug. Diese historisch gewachsene Herabsetzung des Deutschen, die am Hof Friedrichs II. bis zu dessen Verachtung reichte, hat sich uns Deutschsprachigen tief eingeprägt, sodass wir andere Sprachen meist als eleganter empfinden als die eigene. Das gilt heute vor allem fürs Englische, das seit Ende des 19. Jahrhunderts zunehmend Einfluss auf das Deutsche gewinnt und das für viele von uns so trendy wirkt, wie es Deutsch offenbar nicht kann. Dabei vergessen wir gerne, dass über 6000 deutsche Wörter Bestandteil fremder Sprachen geworden sind – als Beweis dafür, dass sich die Welt mit der deutschen Sprache viel leichter tut als die EU-Bürokraten und wir selber.


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