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Vielleicht braucht es einen neuen Tony Blair

15. Mai 2017, 00:00

«Es kann nur besser werden.» Mit einem simplen Slogan und kübelweise Enthusiasmus machte sich ein gewisser Tony Blair auf, einer politikmüden Nation wieder auf die Sprünge zu helfen. Genau zwanzig Jahre und zehn Tage ist es her, seit der jungenhafte Labour-Anführer ins oberste Amt Grossbritanniens segelte. Der Begriff «Erdrutschsieg» wurde zwischen 1997 und 2007 fest mit seinem Namen assoziiert. Immerhin brachte es Blair auf insgesamt drei überwältigende Parlamentsmehrheiten. «Damals herrschte eine andere Stimmung», blickte der inzwischen angegraute Ex-Premierminister kürzlich in einem Zeitungsinterview zurück: «Wir wurden mehr und mehr zu einem modernen und progressiven Land.» Dieser Kurs erfuhr letzten Juni einen abrupten Abbruch – seit dem Brexit-­Referendum fehlt es den progressiven Kräften in Grossbritannien deutlich an Schwung.

Die Labour-Partei unter dem Politveteranen Jeremy Corbyn bevorzugt die Etikette «Linksaussen» und distanziert sich bei jeder Gelegenheit von Blairs Vermächtnis der moderaten Mitte. Die Liberaldemokraten und die Grünen meinen es gut, haben aber schlussendlich wenig Durchsetzungsvermögen. Indessen lachen sich die regierenden Konservativen unter Theresa May tüchtig ins Fäustchen. Der wahre Grund hinter Mays Schock-Ausrufung einer Parlamentswahl liegt in ihrer eiskalten Analyse, dass sich die Opposition in Aufruhr befindet. Das progressive Spektrum präsentiert sich als hoffnungslos zersplittert, und obwohl May das Schreckgespenst einer «Koalition des Chaos» heraufbeschwört, weiss sie genau: So schnell findet hier niemand zusammen. Man kann es ihr daher kaum verübeln, dass sie die Gunst der Stunde nutzt und ihrer Partei zu einer wuchtigen Mehrheit im Unterhaus verhelfen will.

Blair glaubte an eine «Koalition von Leuten, die modern ausgerichtet sind, aber trotzdem an soziale Gerechtigkeit glauben». Wenn diese sich nicht repräsentiert fühlten, sinniert er, setze sich eine «verschlossene Weltanschauung von Brexit, Fremdenfeindlichkeit und Abkapselung» durch.

«Es kann nur besser werden.» Ich finde es ironisch, dass Blairs Slogan nun den Zustand seiner eigenen Partei beschreibt. Landesweite Gemeindewahlen vorletzte Woche – normalerweise eine Gelegenheit, der regierenden Partei eine Ohrfeige zu verpassen – führten zu massiven Verlusten für Labour. Dabei könnte Jeremy Corbyn eine politische Trumpfkarte ausspielen und sich als Galionsfigur der desillusionierten EU-Befürworter profilieren. Immerhin sprachen sich 48Prozent der UK-Stimmbevölkerung für einen Verbleib in der EU aus. So ritterlich es auch erscheinen mag, stattdessen auf die finanzielle Malaise in Schulzimmern und Spitalabteilungen hinzuweisen, Labours Brexit-Vakuum macht keinen Sinn. Es könnte augenfälliger nicht sein, dass diese Wahlkampagne unter der EU-Flagge ausgefochten wird. So formulierte es auch Theresa May, als sie den Bedarf an einer «starken Hand in den Brexit-Verhandlungen» als Hauptmotivation hinter den Neuwahlen nannte. Corbyn indessen scheint ihr freie Hand lassen zu wollen. Nicht ganz dasselbe.

Der Ruf nach einer brand­neuen Partei für heimatlose Progressive und EU-Enthusiasten erwies sich als kurzlebig. Vielleicht braucht es, mit Seitenblick auf Frankreich, einen neuen Blair, wer weiss? Ich vermute, dass sich ein konser­vativer Erdrutsch nun kaum aufhalten lässt. Es bleibt zu hoffen, dass sich daraus Kräfte mobilisieren, die sich für ein weltoffenes, progressives Grossbritannien starkmachen.

Gabriel Felder

Freier Journalist in London


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