«Willste Arbeit oder Dreck?»

RUHRPOTT ⋅ Zehntausende arbeiteten in Essen unter Tage. Die Grossstadt im Ruhrpott musste sich nach der Kohlekrise neu erfinden.
13. Mai 2017, 00:00

Christoph Reichmuth, Essen

Rolf Ploetzing, 59, macht es einem nicht so leicht. Einerseits ein herzensguter Mensch, etwas derb die Ausdrucksweise, ein Ruhrpott-Original. Wen Rolf Ploetzing mag, den verteidigt er mit Haut und Haaren. So ein Typ Mann ist das. Dann aber streut er immer mal wieder Sätze in seine wahrhaftig lebendige Erzählweise ein, die so was von politisch unkorrekt und auf keinen Fall druckreif sind, dass man das Gespräch als moralisch integrer Mensch eigentlich sofort abbrechen müsste.

Die Würstchenbude nennt sich «Frühstücksoase», das Wort muss eine Anspielung sein auf das Nichtsichtbare, auf das Zwischenmenschliche, das sich in der engen Frittenbude beim Mittagessen oder eben beim Morgenkaffee ergibt. Hier kommen sie alle ins Gespräch miteinander, ob gewollt oder nicht. Vor allem dann, wenn der redselige Rolf Ploetzing von einem kleinen Kreisverband der Alternative für Deutschland (AfD) hier auftaucht und sich Nudeln mit Bockwurst bestellt. Er referiert über die Ausländer, die sich nicht integrieren wollten, ruft aber im nächsten Satz zur Integration der Flüchtlinge und zu Investitionen in die Bildung auf. Er bezeichnet einige seiner Parteikollegen bei der AfD als «nicht die hellste Kerze auf der Torte» und erzählt plötzlich vom «weichgeklopften Adolf», der dafür verantwortlich sei, dass in den 1940er-Jahren die «Amis und die Engländer Essen zugebombt haben, bis der Arzt kommt».

Die Frittenbude befindet sich im Norden von Essen, einer Stadt mit mehr als 580000 Einwohnern mitten in einem der grössten Ballungszentren Europas, dem Ruhrpott. Eine Stadt, die die goldene Zeit nach der Krise der Schwerindustrie hinter sich gelassen hat und sich neu erfinden muss. Über die Menschen im «Pott» sagen die Leute, sie seien direkt und unverblümt, aber herzlich und freundlich. Das Klischee findet Bestätigung. Ploetzing, auf den wir beim Imbissstand zufällig gestossen sind, bietet uns spontan einen Kurztrip in seinem Auto quer durch Essen an. Als wir die Tour aus Erschöpfung nach sechs Stunden abbrechen, ist Ploetzing perplex. «Ich bin noch lange nicht fertig.»

Seismograf für Berlin

Morgen Sonntag werden die Menschen in Essen an die Urne gerufen, das Land Nordrhein-Westfalen (NRW) wählt den Landtag und den Ministerpräsidenten (siehe Kasten). Die Wahl wird auch als «kleine Bundestagswahl» bezeichnet, weil in Nordrhein-Westfalen fast ein Fünftel aller Deutschen lebt. Politische Richtungsänderungen haben sich in der Geschichte oft in Nordrhein-Westfalen angekündigt. 1995 schlossen sich die zuvor alleine herrschenden Sozialdemokraten mit den Grünen zusammen, drei Jahre später war Rot-Grün auch auf Bundesebene installiert. 2005 verlor Rot-Grün dann die Mehrheit zwischen Bielefeld im Osten und Aachen im Westen, kurz darauf war Rot-Grün auch in Berlin Geschichte, SPD-Kanzler Gerhard Schröder verlor die Wahl gegen die immer noch amtierende Angela Merkel. Sollten die Genossen morgen Sonntag also auch hier den Regierungsposten an die CDU verlieren, ist das ein schlechtes Omen für die Bundestagswahl im September.

Auf unserer Tour durch Essen führt uns Rolf Ploetzing an stillgelegten Zechen vorbei in ein Museum, hoch auf einen alten Förderturm, in eine uralte Schlosserwerkstatt. Man begegnet auf dieser Tour Menschen, die offen sind für Fragen und sich auf Gespräche ein­lassen. Stefan, ein Hochschullehrer, 50 Jahre alt, hat bislang immer für die SPD votiert, morgen gibt er seine Stimme vielleicht der Linkspartei. Die Stimmung im «Pott», wie er sagt, habe sich verändert. Der Strukturwandel habe Zehntausende von Jobs weggefegt, die Digitalisierung mache vielen Menschen Angst. «Viele Menschen fürchten um ihre kulturelle Identität», sagt er. Die Kluft zwischen Gutverdienern und jenen Menschen, die wenig Geld zur Verfügung haben, würde in Essen grösser. Die Arbeitslosigkeit liegt bei über 12 Prozent, die Stadt ist gewissermassen zweigeteilt: in den ziemlich wohlhabenden Süden und den Norden, wo ehemalige Zechenarbeiter und viele Migranten Seite an Seite zusammenleben. «Es gibt zu viele Menschen hier, die sich gesellschaftlich ausgegrenzt fühlen», meint der Hochschullehrer. Ploetzing, der Mann von der AfD, steht daneben und hört zu. Er widerspricht nicht, beschwert sich dann aber über «No-Go-Areas» in einigen Grossstädten. «Da traut sich nicht mal mehr die Polizei hin», sagt Ploetzing, und wie hinter jeden seiner Sätze schiebt er ein «Nä» hinterher. Die innere Sicherheit, sie ist eines der grossen Wahlkampfthemen im Ruhrgebiet.

Vorreiter Johannes Rau

Essen ist Standort vieler internationaler Konzerne, die Firma Krupp nahm hier ihre Anfänge, die Energieversorger RWE und E.ON haben hier ihre Konzernzen­tralen. Bis in die 1980er-Jahre war die Stadt geprägt von der Schwerindustrie, Zehntausende fanden in der Kohle- und der Stahlindustrie ein Auskommen, im gesamten Ruhrgebiet arbeiteten bis Ende der 1950er-Jahre mehr als eine halbe Million Bergleute viele hundert Meter unter Tage. Doch die Ruhrkohle konnte preislich international nicht mehr konkurrieren, hinzu kamen die tiefen Ölpreise, welche für sinkenden Absatz der Ruhrkohle sorgten.

Nach und nach wurden Zechen im «Pott» stillgelegt, heute sind nur noch wenige hundert Bergleute in der Branche tätig, bis 2018 soll der heute staatlich subventionierte Steinkohleabbau im Ruhrgebiet endgültig Geschichte sein. Mit dem Strukturwandel begann Ende der 1960er-Jahre der Aufstieg der SPD in NRW. Vor allem der von 1978 bis 1998 als NRW-Ministerpräsident amtierende spätere Bundespräsident Johannes Rau verstand es, die durch den Niedergang der Schwerindustrie gebeutelten Menschen im Ruhrgebiet für seine SPD zu gewinnen. Damals entwickelte sich NRW zur Herzkammer der Sozialdemokratie, einer roten Hochburg, die morgen zu fallen droht. «Im Sommer haben Sie die Sonne durch die schwarze Decke nicht gesehen, hier war überall dreckiger Staub in der Luft», erinnert sich Rolf Ploetzing. Ob es denn nicht besser sei für die Menschen hier, seitdem die Zechen zuhaben? Ploetzing gibt zurück: «Willste Arbeit haben oder Dreck?» Sein Blick ist streng, dann murmelt er: «Na also.»

Essen hat sich neu aufgestellt, investierte in den Dienstleistungssektor und in Bildung, das Wirtschaftswachstum gehört zu den stärksten im ganzen Land. 2010 war die Stadt Kulturhauptstadt Europas, aktuell ist Essen Grüne Hauptstadt Europas. Doch es braucht Zeit, bis der Strukturwandel abgeschlossen ist. Wegen der Konzentration auf die Schwerindustrie vernachlässigte die Stadt lange höhere Bildungsangebote, viele Zechenleute hatten es schwer, eine neue Stelle zu finden, die Arbeitslosenrate von mehr als 12 Prozent ist ein Indiz dafür.

Klaus, ein weissbärtiger, freund­licher Mann von 69 Jahren, arbeitet seit über 40 Jahren als selbstständiger Schlosser und Dreher in Essen. Weil er mit seiner Werkstatt von Hand auch kleinste Einzelteile auf Auftrag anfertigt, hat er bis heute gute Aufträge der Industrie. «Die Identität im ‹Pott› ist ein Stück weit verloren gegangen, seit die Zechen dichtgemacht haben», sagt er. Morgen will er für die FDP wählen, Christian Lindner, der FDP-Chef, der hat ihn beeindruckt. Hans-Jochen Giebel, ein alter Schulfreund und heutiger Gewerkschafter, hat in der Werkstatt vorbeigeschaut.

«Nicht tot überm Zaun hängen»

Nun entwickelt sich ein lebhaftes Gespräch zwischen dem FDP-Anhänger, dem Sozialdemokraten und dem AfDler Ploetzing. Merkel, sagt einer, sitze die Dinge doch nur aus, und die Aufregung um Martin Schulz von der SPD, die sei doch total übertrieben. Dann geht es wieder um die innere Sicherheit und Stadtviertel, in denen die Kriminalität besonders hoch sein soll. «Da gibt’s Gebiete, da willste nicht tot überm Zaun hängen», sagt Ploetzing. Widersprechen tut ihm niemand.

Es ist nun Abend geworden in Essen, Ploetzing fährt uns zurück zur «Frühstücksoase», wo alles begann. Das abschliessende Gespräch dreht sich wieder um Ausländer, Integration, Sicherheit, er lobt die direkte Demokratie der Schweiz. Ploetzing, der eine eigene Druckerei betreibt und Maschinenbauer gelernt hat, hört sich die Gegenargumente an, stimmt hier und da der anderen Sichtweise zu, erklärt dann seinen Standpunkt. Gut, hat man das Gespräch am Mittag in der «Frühstücksoase» dann eben doch nicht abgebrochen.


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