Actelion ist unter Zugzwang

PHARMA ⋅ Der US-Multi Johnson & Johnson scheint den Druck auf das Baselbieter Biotechunternehmen zu erhöhen. Die Anleger rechnen mit einer baldigen Übernahme. Der Aktienkurs steigt stark an.

30. November 2016, 00:00

Im Übernahmepoker um das junge und überaus erfolgreiche Pharmaunternehmen Actelion überschlagen sich die Ereignisse. Dieses Verständnis legt mindestens das von gewissen börsen­nahen Nachrichtenagenturen wie Bloomberg kolportierte Vorgehen von Johnson & Johnson nahe. Einem gestern am späten Nachmittag verbreiteten Bericht zufolge soll dem Verwaltungsrat von Actelion bereits eine Kaufofferte des US-Multis über 246 Franken pro Actelion-Aktie vorliegen. Diese sei aber zurückgewiesen worden.

Nun behauptet Bloomberg unter Verweis auf ungenannte Quellen, die Amerikaner hätten das Angebot weiter erhöht. Actelion liess eine telefonische Anfrage dieser Zeitung unbeantwortet.

Die Actelion-Aktien legten kräftig zu. Die Titel stiegen gestern um 10 Prozent auf 209 Franken. Der Börsenwert des Unternehmens, das 2016 rund 2,5 Milliarden Franken Umsatz und einen Gewinn von gegen 800 Millionen Franken ausweisen dürfte, erhöhte sich damit auf über 22 Milliarden Franken. Ein Gebot von 246 Franken pro Aktie würde die Bewertung des erst 18 Jahre alten Pharmaunternehmens auf mehr als 26 Milliarden Franken steigen lassen. Das entspräche dem 33-fachen Gewinn, wie er für 2016 erwartet wird. Finanzanalysten sprechen von einer sehr hohen Bewertung – zumal Actelion über eine enge Palette von Medikamenten verfüge.

Der hohe Preis, den Johnson & Johnson offenbar zu zahlen bereit ist, lässt auf ein zähes Ringen um den Einfluss bei Actelion schliessen. Am Montag hatte die «Financial Times» noch berichtet, die beiden Parteien sprächen über die Möglichkeit einer einvernehmlichen Lösung. Gemäss dem Zeitungsbericht hätte sich Johnson & Johnson mit Geld und der Zugabe von gewissen Geschäftsaktivitäten bei Actelion eingekauft, dem Unternehmen aber die wirtschaftliche Unabhängigkeit belassen.

Tauschgeschäft für Aktionäre zu kompliziert

«Dieses Modell ist mit Blick auf die jüngsten Entwicklungen vermutlich gestorben», sagte ein Übernahmespezialist im Gespräch. Möglicherweise sei man bei Johnson & Johnson zum Schluss gekommen, dass ein solches Tauschgeschäft von den eigenen Aktionären als zu kompliziert und zu wenig attraktiv angesehen würde. Für Actelion wäre ein solcher Deal aber zweifellos die bevorzugte Variante. Der 61-jährige Firmengründer und CEO Jean-Paul Clozel sowie dessen Ehefrau Martine, die als Forschungschefin ebenfalls eine führende Stellung im Unternehmen hat, zeigten sich in der Vergangenheit fest entschlossen, die Gesellschaft aus eigener Kraft weiterzuentwickeln und als erstes europäisches Unternehmen in die «Major League» der globalen Biotechbranche aufzusteigen.

Im Februar sagte Clozel bei der Verkündung des Jahresergebnisses: «Zum ersten Mal ist unsere Vision in Griffnähe.» Die Firma hat 2015 die Umsatzmarke von 2 Milliarden Franken überschritten und die Ablösung des langjährigen Erfolgsproduktes Tracleer durch neue, wirkungsvollere Medikamente sichergestellt. Actelion ist ganz auf die Behandlung von Bluthochdruck im Lungenkreislauf eingestellt. Die Krankheit ist äusserst selten, und sie verläuft tödlich. Die Therapie mit dem Präparat der neusten Generation, Opsumit, kostet rund 25000 Franken im Jahr. Sie reduziert die Spitalaufhalte der Patienten um die Hälfte und spart dem Gesundheitssystem damit erheblich Kosten.

Obwohl Actelion in dieser Nische gut gedeiht, sucht die Firma seit längerem nach Möglichkeiten, die Palette der Therapien zu verbreitern. Über einen Deal mit Johnson & Johnson, wie ihn die «Financial Times» ventiliert hatte, wären die Clozels ihrem Ziel sicher einen grossen Schritt näher gekommen. Offenbar hat Johnson & Johnson nun aber doch den direkten Weg gewählt und strebt gegen den Willen des Unternehmerpaars die volle Kontrolle von Actelion an. Die Amerikaner müssten bei diesem Vorgehen auf das Wohlwollen des Verwaltungsrates bei den Schweizern hoffen. Dieser wird seit 2011 von Jean-Pierre Garnier präsidiert, den Actelion im Zug einer Abwehrschlacht gegen den angriffigen US-Hedge-Fund Elliott auf den Posten berufen hatte. Garnier war früher Chef von Glaxo SmithKline und erfüllt im Gegensatz zu den Clozels das Kriterium der «Unabhängigkeit». Jean-Paul Clozel sitzt aber immer noch im zehnköpfigen Verwaltungsrat und dürfte weiterhin ­einen starken Einfluss auf diesen ausüben.

Übernahmeschlacht kann Actelion destabilisieren

Unter Übernahmespezialisten herrscht die Meinung vor, dass Actelion schon in den nächsten Stunden oder Tagen mit einer Antwort auf die aktuellen Entwicklungen aufwarten muss. Die Verunsicherung unter den eigenen Aktionären und vor allem auch unter den 2500 Mitarbeitern lasse kein längeres Taktieren zu. Im Fall, dass es zu einer unfreundlichen Übernahmeschlacht kommen sollte, bestehe die Gefahr, dass dem Unternehmen wichtige Mitarbeiter abhandenkämen.

Nicht auszuschliessen ist indessen, dass die beiden Parteien doch noch eine Kompromisslösung finden werden, die beispielsweise einen schrittweisen Übergang der vollständigen Kontrolle an Johnson & Johnson zulassen könnte. Die US-Firma zählt über 6000 Mitarbeiter in der Schweiz. In Zug betreibt sie eine globale Finanz- und Logistikplattform mit rund 1000 Angestellten.

Daniel Zulauf

daniel.zulauf@luzernerzeitung.ch


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