Auch 2017 soll ein Aktienjahr werden

PROGNOSEN ⋅ Der Chefökonom der UBS wagt einen ersten Ausblick ins neue Anlagejahr. Daniel Kalt rechnet mit einem Schub – dank Brexit und Trump. Er sieht beides langfristig aber auch als Gefahr für die Märkte.

26. November 2016, 00:00

Interview: Ernst Meier

ernst.meier@luzernerzeitung.ch

Daniel Kalt, das Aktienjahr neigt sich dem Ende zu. Der eine und andere Anleger überlegt sich bereits, wie er sich 2017 ausrichten soll. Brexit und die Trump-Wahl stellen die Akteure zudem vor eine neue Ausgangslage. Soll man weiter auf Aktien setzen?

Ja, wir sind weiterhin überzeugt, dass mit Aktien eine überdurchschnittliche Rendite erzielt werden kann. Solange die Zinsen nicht deutlich steigen, bleibt Aktiensparen attraktiv. Wichtig ist beim Anlegen in Aktien aber eine breite Diversifikation – vor allem international. Das aktuelle Jahr zeigt gut auf, wie wichtig die Länderdiversifikation ist. Die Ren­dite auf Schweizer Aktien liegt bei einem Minus von 9 Prozent, bei US-Aktien ergibt sich hingegen ein Plus von 10 Prozent.

Was heisst das konkret für das Jahr 2017?

Natürlich kann man Schweizer Aktien halten und mit einer guten Durchmischung eine ansehnliche Rendite erzielen. Wir empfehlen aber in einem Depot einen Anteil an Schweizer Titeln von unter 50 Prozent. Bei den Aktien setzen wir nach wie vor auf Firmen mit überdurchschnittlich hoher Dividendenzahlung. Viele Anleger, die fällige Anleihen und mit einer Wiederanlage in Anleihen keine Rendite mehr erzielen, wechseln in dividendenstarke Aktien – vor allem in jene, die eine steigende Ausschüttung in Aussicht stellen. Das gibt weiteren Schub für die entsprechenden Aktien.

Welche Branchen sind gesucht, welche sollen Anleger eher meiden?

In den USA sehen wir eine Erholung bei den Finanztiteln. Diese sind selektiv kaufenswert. Aktien aus der Energie-, der Technologie- und der Gesundheitsbranche gefallen uns. Generell empfehlen wir, sich weniger an den Branchen zu orientieren, sondern, wie erwähnt, stärker auf zyklische Aktien zu setzen. Denn die Realwirtschaft in den USA entwickelt sich gut; es herrscht praktisch Vollbeschäftigung, die Löhne steigen. Auch in den Schwellenländern hält das Wachstum an, Brasilien scheint sich wieder zu erholen. China und Indien wachsen konstant.

Sollen Anleger auf grosse Titel setzen, sogenannte Large Caps, oder eher auf Aktien von kleineren und mittleren Unternehmen (Small und Mid Caps)?

Generell erachten wir mittelgrosse Firmen derzeit attraktiver als Large Caps. Diesen Trend konnten wir im ganzen Jahr 2016 beobachten – SMI-Titel wie Nestlé oder die Aktien der Grossbanken und Pharmafirmen haben enttäuscht. Wir sind überzeugt, dass dieser Trend anhalten wird. Mid-Caps-Titel, kombiniert mit Dividendenwachstum, sind in unserer Optik eine gute Wahl.

Gold ist 2016 wieder in den Fokus gerückt. Bleiben Goldanlagen interessant?

Einen gewissen Anteil seines Vermögens in Gold zu halten, macht Sinn. Gold entwickelt sich gut, wenn die Inflation stärker steigt als die Zinsen, denn dadurch drehen die Realzinsen ins Negative. Anders erklärt: Wenn die In­flation den Zinszuwachs wegschmelzen lässt, lohnt es sich, in Gold – das bekanntlich keinen Zins abwirft – zu investieren. Die Gefahr von negativen Realzinsen sehen wir aktuell in den USA. Schweizer Anleger müssen jedoch immer berücksichtigen, dass der Goldpreis mit dem Dollar gekoppelt ist. Es ist ein Nullsummenspiel, wenn Gold 15 Prozent steigt und der Dollar gleichzeitig 15 Prozent fällt. Deshalb kann es Sinn machen, Goldanlagen auf Währungsschwankungen abzusichern.

Die Flucht in den Franken hält an. Glauben Sie, dass die Schweizerische Nationalbank bei Bedarf weiter stützend zur Seite steht?

Die SNB wird auch künftig intervenieren und den Frankenschwä­chen, wenn es nötig ist. Diese Strategie ist unbestritten. Klar, die SNB will die Devisenkäufe auf einem Minimum halten, weil es ihr zunehmend unwohl dabei ist, die Bilanz ins Unermessliche aufzublähen. Bei grossen Ereignissen wird sie aber weiterhin mit Währungskäufen eingreifen, um den Franken bei 1.07 pro Euro zu halten. Das haben wir nach dem Brexit-Entscheid gesehen und auch nach der Trump-Wahl, als sie mit 5 bis 6 Milliarden Franken pro Woche interveniert hat.

Welche Folgen wird die Wahl von Donald Trump für die Börsen haben?

Bisher hat sich die Wahl nicht negativ ausgewirkt. Im Gegenteil, nachdem die schlimmste Befürchtung – ein stärkerer Einbruch der Märkte – nicht eingetroffen ist, hat die Stimmung gedreht. Viele Anleger sind umgeschwenkt; sie glauben, dass sich Trump anders als im Wahlkampf als gemässigter Präsident geben wird. Die Unsicherheit ist jedoch immer noch sehr gross. Es ist noch nicht klar, welche Marschrichtung Trump auf den verschiedenen Ebenen der Politik einschlägt.

Trotz der Unsicherheit: Welche Pläne von Donald Trump sehen Sie als unausweichlich gegeben?

Bereits angekündigt hat er, dass er die Transpazifische Partnerschaft (TPP) auf Eis legt, dasselbe dürfte mit TTIP – dem Freihandelsabkommen mit der EU – geschehen. Das bedeutet nicht das Ende der Globalisierung und des fortschreitenden internationalen Handels, es wäre jedoch ein markanter Marschhalt.

Was erwarten Sie von Trump innenpolitisch?

Donald Trump wird versuchen, die Steuern zu senken und dadurch die Investitionen zu stimulieren. Vor allem Infrastrukturprojekte könnten durch seine Politik gefördert werden. Wir rechnen auch damit, dass Trump in Kombination mit Steuersenkungen versucht, von US-Firmen im Ausland parkiertes Kapital ins Land zurückzuholen. Das alles wäre Rückenwind für die bereits gut laufende US-Wirtschaft. So gesehen, waren die Wahlen für die Demokraten wohl ein Jahr zu früh, denn die Wirtschaft und damit auch die Situation für die unzufriedene Mittelschicht beginnen sich erst jetzt zu verbessern. Die jüngsten Gewinne bei US-Aktien schliessen bereits einen Teil der möglichen positiven Auswirkungen der Präsidentschaft Trump auf die Wirtschaft ein.

Dann glauben Sie, dass Trump ein «Wall-Street-Präsident» werden könnte?

Im Moment macht es den Anschein, dass er den Finanzmärkten guttut. Man darf jedoch die Langfristrisiken nicht ausser Acht lassen. Trump hat zum Beispiel auch angekündigt, dass er Zölle auf ausländische Güter einführen will – so zum Beispiel auf Importstahl aus China. Wenn Trump einen Handelskrieg anzettelt, wird das auf drei bis vier Jahre hinaus erhebliche Schäden in der Weltwirtschaft verursachen und könnte die Börse unter Druck bringen.

Welche Folgen wird der Brexit auf die Finanzmärkte haben?

Kurzfristig gibt der Brexit Grossbritannien Schub, weil das Pfund sich gegen 20 Prozent vergünstigt hat. Für die Exportwirtschaft auf der Insel wirkte sich das positiv aus, denn Grossbritannien ist nach wie vor ein Teil des EU-Binnenmarktes. Der Brexit ist jedoch eine delikatere Angelegenheit für die Briten, als viele sich das vorgestellt haben. In Europa haben sowohl die EU-Kommission wie auch die wichtigsten Regierungschefs eine harte Haltung gegenüber Grossbritannien markiert. Sie wollen wenig Zugeständnisse machen. Das ist auch für die Schweiz nicht gut. Denn bei uns gab es Hoffnung, dass die EU infolge des Brexit auch der Schweiz Zugeständnisse hinsichtlich der Zuwanderung macht.

Griechenland ist in den letzten Monaten fast ganz aus den Schlagzeilen verschwunden. Wie steht es um das Land heute?

Griechenland macht kaum Fortschritte. Die wirtschaftliche Leistung ist um 30 Prozent eingebrochen und hat sich davon nicht erholt. Der Schuldenberg bleibt riesig. Griechenland wird nun einfach drei Jahre von den europäischen Geldgebern durchfinanziert werden. Danach muss man wohl ein weiteres Finanzierungspaket aushandeln. Grundsätzlich ist dies aber vernachlässigbar, weil Griechenland nur zirka 1,6 Prozent des Bruttoinlandproduktes der Eurozone ausmacht. Mittlerweile wäre es wohl auch möglich, Griechenland weitgehend zu entschulden, indem man beispielsweise einen 50-prozentigen Schuldenschnitt macht. Die meisten griechischen Staatsschulden sind sowieso bei der Eu­ropäischen Zentralbank und den beiden Euro-Rettungsschirmen.

Hinweis

Daniel Kalt (47) ist seit 2010 Chefökonom und Regional Chief Investment Officer Schweiz der Grossbank UBS. Das Interview entstand anlässlich seines Vortrages «Finanz- und Wirtschaftsausblick 2017» bei der UBS in Luzern.

«Viele Anleger sind umgeschwenkt. Sie glauben, dass sich Trump als gemässigter Präsident geben wird.»

Daniel Kalt

Chefökonom UBS Schweiz


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