Das Ende der Billigkrankenkassen

GESUNDHEIT ⋅ Die Helsana-Gruppe integriert ihre Tochtergesellschaften Avanex und Sansan. Sie wurden einst für die Jagd auf junge und gesunde Versicherte gegründet.

07. September 2016, 00:00

63 Unternehmen listet das Bundesamt für Gesundheit aktuell als zugelassene Krankenversicherer auf. Bald sind es weniger. Per Anfang 2017 legt die Helsana-Gruppe ihre Grundversicherungstöchter Avanex mit Helsana und Sansan mit Progres zusammen. Der Grund: Auf das neue Jahr hin wird der Risikoausgleich zwischen den Krankenkassen verfeinert. So müssen Kassen mit einem überdurchschnittlich hohen Bestand an jungen und gesunden Versicherten an Kassen, deren Kollektiv älter ist, mehr als bisher zahlen. Ältere Menschen verursachen nämlich tendenziell höhere Gesundheitskosten. Kommt hinzu, dass der Gesetzgeber neu kantonal jährlich kostendeckende Prämien verlangt, was diese in Kantonen mit kleinen Versichertenbeständen (wie jene von Avanex und Sansan) stärker schwanken lässt.

«Deutlich teurer» ist günstiger

Diese beiden Änderungen hätten dazu geführt, dass auf die 400 000 Versicherten von Avanex und Sansan 2017 sehr deutliche Prämienerhöhungen zugekommen wären. Mit der Eingliederung der beiden Töchter in Helsana und Progres aber schlägt die Gruppe zwei Fliegen mit einer Klappe: Erstens steigen die Prämien der Avanex- und Sansan-Versicherten weniger stark an als ohne Zusammenlegung, was wiederum weniger Versicherte zum Wechsel in eine konkurrierende Kasse mit tieferen Prämien animieren dürfte. Zweitens kann die Helsana-Gruppe die Prämienschwankungen in den neu noch grösseren Kollektiven von Helsana und Progres etwas dämpfen. In einem internen Schreiben an die Belegschaft räumt die Helsana-Gruppe ein, dass es für frühere Avanex- und Sansan-Versicherte auch nach der Zusammenlegung je nach Deckung, abhängig vom Modell, der Franchise und dem Kanton (Prämienregion) «zu deutlichen Prämienerhöhungen» kommen könne. «Doch die Prämienerhöhung wäre ohne Zusammenlegung viel stärker ausgefallen.»

Auch CSS geht über die Bücher

Wie sieht es bei der Konkurrenz aus? Die CSS-Gruppe, neben der Helsana ein anderes Schwergewicht der Branche, hält sich noch bedeckt. «Der verfeinerte Risikoausgleich verändert die Ausgangslage», sagt CSS-Sprecherin Christina Wettstein. «Auch wir machen uns Gedanken, aber es ist noch zu früh, um Aussagen über einen allfälligen Strategiewechsel zu machen.» Zur Gruppe gehören neben der CSS auch Arcosana, Intras und Sanagate. Laut Wettstein hängt die Strategie «nicht nur vom Risikoausgleich ab», den die CSS im Übrigen im Sinne eines «volkswirtschaftlich sinnvollen, auf Leistungskosten und Kundenservice fokussierten Wettbewerbs explizit begrüsst». Eine Rolle spiele auch «ein differenziertes Angebot». So erhalte ein Kunde der CSS etwa mehr Serviceleistungen – zum Beispiel in Form telefonischer Beratung – als ein Kunde der Sanagate, deren Prozesse stärker digitalisiert sind. Dafür sind bei der Sana­gate auch die Prämien tiefer.

Ursprünglich war davon ausgegangen worden, dass der Risikoausgleich dank voller Freizügigkeit automatisch funktioniert: In der Grundversicherung kann jedermann jährlich die Kasse wechseln. In der Praxis aber zeigt sich, dass vor allem Junge zu Kassen mit tieferen Prämien wechseln, während ältere und damit teurere Versicherte ihrer Kasse treu bleiben. Daher kamen die Krankenkassen einst auf die Idee, mit Billigkassen gezielt Junge an Bord zu holen. So gründete zum Beispiel die Helsana 2001 Avanex und Sansan – die nun wieder verschwinden.

Krankenkassenexperte Felix Schneuwly vom Vergleichsdienst Comparis sieht dies als Anfang vom Ende der Mehrkassenstrategie. «Mit dem verfeinerten Risikoausgleich nimmt der betriebswirtschaftliche Druck auf jene Kassen zu, die tiefere Prämien geboten haben mit der Fokussierung auf gute Risiken, also junge und gesunde Versicherte.» Betreffend die zurückhaltende Kommunikation der CSS sagt Schneuwly: «Wenn sie nicht diesen Herbst reagiert, dann eben später.» Am längsten an der Mehrkassenstrategie festhalten dürfte die Groupe Mutuel, die eigentliche Erfinderin dieses Systems. Zugleich ist sie aber auch Vorreiterin in der Bereinigung: Per Anfang 2011 schraubte sie die Anzahl ihrer Kassen von 15 auf 4 zurück (seit der Übernahme der Supra sind es wieder fünf). Dass die Bereinigung indessen keineswegs abgeschlossen ist, belegt die Helsana-Gruppe selber: Im internen Schreiben stellt sie die Frage: «Ist in den kommenden Jahren auch eine Zusammenlegung von Progres und Helsana geplant?» Und gibt als Antwort: «Beschlossen ist nichts. Doch es ist denkbar.»Thomas Griesser Kym


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