Die Bürojobs werden anspruchsvoller

ARBEITSMARKT ⋅ Immer mehr kaufmännische Berufe werden ins Ausland verlagert. Kaufleute sollen sich deshalb weiterbilden, um den steigenden Anforderungen gerecht zu werden.

24. November 2016, 00:00

Es sind vorab die grossen, international tätigen Banken und Versicherungen, die seit ein paar Jahren einen Teil ihrer Backoffice-Aufgaben in Osteuropa erledigen lassen. Geht es um IT-Dienstleistungen, ist auch Indien eine beliebte Adresse für Stellenauslagerungen. Andere Jobs fallen der Automatisierung zum Opfer.

Meldungen über den Verlust von Bürojobs im Zuge der Digitalisierung und der neuen Kommunikationsmöglichkeiten machen seit einiger Zeit die Runde. Der Kaufmännische Verband liess darum in zwei Studien abklären, was es mit der Stellenverlagerung in Tieflohnländer auf sich hat und was sie für die in kaufmännischen Berufen tätigen Arbeitnehmer in der Schweiz bedeutet.

30000 bis 100000 Stellen sind in Gefahr

«Es gehen Arbeitsplätze verloren. Das ist für die Betroffenen schmerzhaft. Doch es nützt nichts, Abwehrkämpfe gegen die Digitalisierung zu führen. Sie bringt auch Fortschritte mit sich: Die Arbeit der kaufmännischen Angestellten wird interessanter und vielseitiger», zog Verbandspräsident und SP-Ständerat Daniel Jositsch gestern an einer Medienorientierung sein Fazit. Die Studie zur Auslagerung von Ar­beitsplätzen geht von 30000 bis 100000 Stellen aus, die sich verlagern lassen.

«Das bedeutet nicht, dass sie alle unweigerlich ins Ausland verschoben werden. Es handelt sich vielmehr um Stellen, die sich theoretisch auslagern lassen», erklärte Studienverfasser Rolf Iten vom Forschungs- und Beratungsunternehmen Infras. In der Schweiz sind heute rund 590000 Frauen und Männer in kaufmännischen Berufen tätig. Auf sie entfallen rund 12 Prozent der Wertschöpfung in der Schweiz. Rund 15000 junge Schulabgänger traten im vergangenen Jahr eine KV-Lehre an.

Betroffen von Stellenauslagerungen und Automatisierungen sind gemäss Iten vor allem die Bereiche Rechnungswesen, IT, Kundenbetreuung, Personalwesen, Business Management und Einkauf. Innerhalb dieser Sparten sind in erster Linie die weniger anspruchsvollen Routinejobs mit sich wiederholenden Arbeitsschritten gefährdet. Denn sie lassen sich von einer Angestellten mit Sprachkenntnissen in Polen bereits für weniger als 1000 Euro im Monat erledigen.

Parallel dazu steigen die Ansprüche an die kaufmännischen Angestellten in der Schweiz. Von ihnen erwarten die Arbeitgeber künftig andere Kompetenzen. Etwa eine hohe Sozialkompetenz, den Umgang mit Technologien und mit Kunden sowie eine gute Allgemeinbildung im Fachgebiet. Die Fachkompetenz bezieht sich eher auf die Funktion als auf die Branche. Die Zukunft bringt auch weniger Festanstellungen mit sich, denn die Unternehmen gehen mehr und mehr dazu über, für Projekte freie Mitarbeiter zu engagieren, die dann auch für andere Auftraggeber tätig sind.

«Die Mitarbeitenden müssen sich von Sachbearbeitern hin zu Managern und Vermitteln entwickeln, die mit komplexeren Aufgaben umgehen könnten», sagt Sybille Sachs, Studienverantwortliche Leiterin des Institutes für Strategisches Management an der HWZ Hochschule für Wirtschaft Zürich. Sie ist der Frage nachgegangen, in welche Richtung sich die kaufmännischen Berufe entwickeln. Ihre Einschätzung: «Die Arbeit wird interessant, kreativ, wenig repetitiv, aber auch sehr anspruchsvoll.»

Das sieht auch Verbandspräsident Daniel Jositsch so. Er gab sich redlich Mühe, dem Umbruch Positives abzugewinnen. Als Antwort darauf sieht er eine Ausbildungs- und Weiterbildungsoffensive, damit die Kaufleute den steigenden Anforderungen gerecht werden. Heute verfügen rund zwei Drittel von ihnen über eine Grundbildung, ein Drittel hat eine höhere Berufsbildung.

Rainer Rickenbach

rainer.rickenbach@luzernerzeitung.ch

«Es nützt nichts, Abwehrkämpfe gegen die Digitalisierung zu führen. Sie bringt auch Fortschritte mit sich.»

Daniel Jositsch

Präsident des Kaufmännischen Verbandes Schweiz


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