Erfolgreich trotz starkem Gegenwind

TABAK ⋅ Der Bund will die Branche weiter einschränken. Heinrich Villiger, Chef des Zigarren-Konzerns aus Pfeffikon, wehrt sich dagegen. Morgen feiert der Patron seinen 85. Geburtstag.
29. Mai 2015, 00:00

Interview Ernst Meier

Anfahrt zur Zigarrenfabrik Villiger Söhne AG am äussersten Ende des Kantons Luzern. Die Gemeinde Pfeffikon grenzt direkt an den Aargau, ist Teil des Wynentals. Stumpenland nennt man die Region auch. Einst waren hier über 30 Tabak- und Zigarrenfabriken angesiedelt. Heute sind noch zwei geblieben: Villiger und Burger im benachbarten aargauischen Burg.

Arbeiter trifft man auf dem Villiger-Gelände nur wenige. Der Tabakkonzern, der heute weniger als 10 Prozent der Produktion in der Schweiz verkauft, hat den Grossteil der Fabrikation vor Jahren nach Deutschland und Asien ausgelagert. In Deutschland ist Villiger seit 1910 mit einer Tochtergesellschaft vertreten. In Pfeffikon findet man die Konzernleitung, ein Rohtabaklager sowie die Fabrikation für den schweizerischen Markt und einige Nicht-EU-Länder. Produziert wird weitgehend maschinell ein Teil Handarbeit ist aber geblieben. Stolz führt uns Heinrich Villiger in einen estrichähnlichen Raum auf dem dritten Stock. Drei Frauen «zöpfeln» hier die klassischen Virginia-Zigarren, jedem Schwingfest-Besucher als die legendären «Krummen» bekannt. «Das sind die letzten Mitarbeiterinnen, die noch von Hand arbeiten», schwärmt Heinrich Villiger. Die Frauen schmunzeln zufrieden. Der Besuch des Patrons freut sie. Zum Interview gehen wir in ein Sitzungszimmer, deklariert als Raucherraum. Heinrich Villiger bittet um Raucherlaubnis und bietet eine Zigarre an.

Heinrich Villiger, Sie rauchen seit über 60 Jahren. Nun werden Sie 85. Sie scheinen das Argument, dass Tabak gesundheitsschädigend ist, zu entkräften.

Heinrich Villiger: (lacht) Ich darf mich über eine gute Gesundheit freuen, das ist nicht selbstverständlich. Vieles im Leben ist schädlich: Alkohol trinken, Auto fahren, Bergsteigen. Ich sehe nicht ein, wieso man eines davon nicht mit Mass machen dürfte. Tabak ist seit vielen hundert Jahren ein beliebtes Genussmittel. Ich behaupte nicht, dass Rauchen gesund ist. Ich will aber auch nicht sagen, dass der massvolle Genuss einer Zigarre schädlich ist.

Wie oft rauchen Sie?

Villiger: Ich rauche nach wie vor täglich, in der Regel zwei bis drei Zigarren. Zigaretten rauche ich keine. Bis vor acht Jahren habe ich viel mehr geraucht. Doch dann hatte ich einen Herzinfarkt, den ich dank der schnellen Reaktion meiner Frau überlebt habe.

Als Raucher hat man es nicht leicht. Der Staat hat die Branche mit Gesetzen stark eingeschränkt. Das ist für Sie als Tabak-Patron doch frustrierend.

Villiger: Der Kampf gegen den Tabak hat schon vor über dreissig Jahren begonnen. Die EU, nationale Gesetzgeber und Institutionen haben im Einklang mit der Weltgesundheitsorganisation WHO dem Tabak und dem Rauchgenuss leider den kompromisslosen Kampf angesagt. Ihr primäres Ziel ist die Prävention. Mit immer neuen Gesetzen und Verboten will man Konsumenten vom Rauchen abhalten. Doch von der Prävention zur Prohibition ist es nur ein kurzer Weg. Wenn man etwas verbietet, macht man es erst recht attraktiv. Da gibt es genügend Beispiele aus der Vergangenheit, welche dies bezeugen.

Der Bund spricht von jährlich 9000 Toten durch Tabakkonsum und erarbeitet ein neues Tabakprodukte-Gesetz.

Villiger: Der Bund gibt selber an, dass es sich bei den «9000 jährlichen Toten» um eine Schätzung des Bundesamts für Statistik handelt. Eine solche Behauptung kann man für die Begründung eines Gesetzesentwurfes als grob fahrlässig bezeichnen.

Was stört Sie am geplanten Gesetz?

Villiger: Das Tabakgesetz war in der Schweiz bisher Teil des Lebensmittelgesetzes. Nun will der Bundesrat dies separat regeln. Für uns ist es verheerend, dass der Bundesrat unsere Branche noch strenger einschränken will als die EU. Diese unterscheidet nach wie vor zwischen Zigaretten-/Drehtabak und Zigarren/Pfeifentabak. Für die beiden Segmente gelten im europäischen Raum unterschiedliche Vorgaben, mit strengeren Richtlinien für Zigaretten/Drehtabak. In der Schweiz soll nun alles in den gleichen Topf gelegt werden. Für uns ist das dramatisch.

Und wenn das Parlament das neue Tabakgesetz wie geplant beschliesst?

Villiger: Dann ergreifen wir wahrscheinlich das Referendum. Für uns ist die Unterscheidung zwischen den beiden Raucherwaren-Gruppen enorm wichtig. Wenn man Rauchen als gesundheitliches Problem betrachtet, dann muss der Schwerpunkt bei den Zigaretten gelegt werden. 95 Prozent der Raucher greifen zu Zigaretten. Nur 5 Prozent betreffen Zigarren und Pfeifentabak. Unsere Branche hat im ganzen Tabakgeschäft eine marginale Bedeutung. Was das Gesundheitliche betrifft: Zigarrenraucher machen keine Lungenzüge. Wir würden mit der Gesetzesverschärfung für etwas büssen, was wohl die anderen 95 Prozent aller Raucher verursachen.

Ist man als Tabakproduzent auf dauerndem Kriegsfuss mit den Behörden und den Gesundheitsverbänden?

Villiger: Es ist schon so, dass wir ziemlich unterschiedliche Ansichten haben. So wollen die Behörden die Tabakvorschriften verschärfen, weil die bisherigen Massnahmen nicht die erhofften Wirkungen zeigen würden, wie es heisst. In der EU will man zum Beispiel einen zweiten Warnhinweis im Innendeckel der Verpackung einführen. So was ist doch unglaublich! Die Tabakprodukte sind bereits aussen grossflächig mit Warnhinweisen und abschreckenden Bildern bedeckt. Der Konsument ist genügend informiert. Polemisch gesagt, behaupte ich, dass man, statt weiteren Warnungen im Innendeckel, jene auf der Verpackung weglassen könnte, wenn die Massnahme bis jetzt nichts gebracht hat.

Anti-Rauchergesetze, Nichtraucherzonen und Rauchverbot in Restaurants Ihrem Unternehmen scheint dies nicht zu schaden. Es floriert.

Villiger: Natürlich bekommen wir die Einschränkungen zu spüren. Die ganze Tabakindustrie hat sich markant verändert. Als ich 1950 ins Geschäft einstieg, waren alle überzeugt, dass die Branche krisenfest ist. Überall wurde geraucht. Die Swissair bot den 1.-Klasse-Passagieren auf Überseeflügen eine Montecristo an. Passivrauchen war ein Fremdwort. Das ist längst vorbei. Die Diskriminierung von Rauchern und die verschärften Vorschriften haben viele kleinere Tabakbetriebe zur Aufgabe gezwungen. In der Schweiz zählten wir einst über 70 Tabakfirmen, heute gibt es noch eine gute Hand voll.

Wird der Tabak zu Unrecht verteufelt?

Villiger: Es wird von den Behörden nicht erkannt, dass die Tabakbranche eine Industrie ist, die vielen Arbeit und Wohlstand bringt. Man geht davon aus, dass es weltweit rund 30 Millionen Tabakbauern gibt mehrheitlich in ärmeren Ländern. Sie erzielen durch den Anbau ein gutes Einkommen. Tabak bringt einen hohen Ertrag pro bewirtschafteten Quadratmeter. Dieser ist mit anderen Agrarprodukten nicht zu erzielen. Verbietet man Tabak ganz, so hätte das schwerwiegende volkswirtschaftliche Folgen mit Millionen von Arbeitslosen – gerade in Entwicklungsländern. Die Menschen würden unter die Armutsgrenze fallen. Die gesundheitlichen Folgen wären schlimm.

Das Tabakproduktegesetz soll neu auch die E-Zigarette regeln.

Villiger: Die E-Zigarette ist ein enormer Trend. Bereits werden Milliardenumsätze gemacht. Die Produkte kommen mehrheitlich aus China. Die Industrie ist stark am Wachsen. Ich sehe es aber eher als Konkurrenz für Zigaretten. Zigarillo- und Zigarrenraucher bleiben dem Tabak treu. An einer Messe in den USA habe ich einmal eine E-Zigarette probiert. Es wurde mir nach wenigen Minuten schlecht, und ich habe aufgehört.

Wann steigen Sie in das Geschäft ein?

Villiger: Wir haben einen Einstieg geprüft und hatten auch schon Offerten zum Vertrieb von Produkten. E-Zigaretten beinhalten eine künstliche Flüssigkeit, die verdampft. Diese besteht aus Nikotin und Aromastoffen. Was sonst noch alles drin ist, weiss man nicht so genau. Wir haben entschieden, nicht in das Geschäft einzusteigen. Ich bin mit dem Tabak aufgewachsen und will nicht zum Apotheker werden.

In Indonesien besitzen Sie eine eigene Produktion. Wie wichtig ist der asiatische Markt heute?

Villiger: Länder wie China, Taiwan und Japan werden für uns immer bedeutender. Gerade in China hatte die Bevölkerung während Jahren keinen Zugang zu ausländischen Tabakprodukten. China ist aber ein sehr schwieriger Markt. Das Land ist der weltweit grösste Tabakproduzent und hat ein Staatsmonopol für Tabakprodukte. Dank Einfuhrlizenzen gibt es seit einigen Jahren ebenfalls ausländische Produkte. Immer mehr beziehen Chinesen auch Markenzigarren via Nachbarländer oder sie kaufen sie auf Auslandreisen. Wir liefern heute knapp 10 Prozent nach Asien.

Sie sind einer der grössten Importeure von kubanischen Zigarren in Europa. Hatten Sie nie Bedenken aus politischen Gründen?

Villiger: Ich reise seit Jahren immer wieder nach Kuba und kenne das Land sehr gut. Man muss unterscheiden zwischen Wirtschaft und Politik. Ich gebe zu, dass die Menschenrechtssituation auf Kuba nicht in Ordnung ist. Wenn Sie aber sehen, was heute im arabischen Raum passiert, ist es heuchlerisch zu sagen, man dürfe nicht mit Kuba zusammenarbeiten. Ich bin viel herumgereist, kenne die Situationen in den Slums auf der Dominikanischen Republik oder in den Favelas von Rio de Janeiro. Verglichen damit geht es den Kubanern besser. Auch gibt es fast keine Kriminalität.

Was macht die kubanische Zigarre speziell?

Villiger: Die Kubaner haben es geschafft, die Zigarre als Luxusprodukt zu positionieren. Kubanische Zigarren beinhalten den besten Tabak der Welt und werden von Hand gerollt. Kuba ist für die Zigarrenindustrie so bedeutend wie das Bordeaux für den Wein.

Sind Sie schon den Castros begegnet?

Villiger: Nein, ich habe weder Fidel noch Raúl Castro je getroffen. Meine Kontakte beschränken sich auf die wichtigsten Personen der staatlichen Tabakindustrie. Fidels ältester Sohn, er heisst auch Fidel, habe ich schon mehrmals getroffen. Fidelito, wie ihn die Kubaner nennen, ist Atomphysiker. Er besucht oft das Cern in Genf. Er ist Nichtraucher und politisch nicht aktiv. Wenn ich ihn treffe, reden wir über alles andere als über seine Familie und Politik.

Sie halten als Verwaltungsratspräsident von Villiger die Zügel fest in den Händen. Wie planen Sie Ihre Nachfolge?

Villiger: Ich habe vier Kinder und neun Enkelkinder. Das ist nicht so einfach. Aber ich beschäftige mich damit. Ich möchte die Firma in Familienhand behalten.

Wie feiern Sie morgen Ihren 85. Geburtstag?

Villiger: Ich habe meine Familie und einige Freunde in «meine» Fischbeiz in Rümikon am Rhein zum Mittagessen eingeladen. Wenn es das Wetter will, werden wir nach dem Essen im Garten gemütlich eine Zigarre rauchen.


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