Gratis-Säckli sterben aus

DETAILHANDEL ⋅ Wegwerfplastiksäcke sollen in der Schweiz 2018 verschwinden. Bereits jetzt gibt es Laden- ketten, die keine Gratis-Säckli an der Kasse mehr abgeben.
08. September 2016, 00:00

Hans Bärtsch

Kunde: «Könnten Sie mir bitte einen Sack geben?» Verkäuferin: «Macht 30 Rappen.» Wie bitte? Übernimmt der Media-Markt in Chur, wo besagter Kunde einen kleinen Einkauf getätigt hat, eine Vorreiterrolle in der Wegwerfsackdiskussion, die schon Jahre dauert und 2018 mittels Branchenlösung in einen freiwilligen Verzicht münden soll?

Tatsächlich ist es so, dass die Media-Markt-Geschäftsleitung schon vor über einem Jahr beschlossen hat, aus «umweltfreundlichen Gründen» keine Plastiktaschen mehr zu bestellen, wie bei der Medienstelle zu erfahren ist. Die einzelnen Filialen können die Gratis-Säcke so lange abgeben, wie sie welche vorrätig haben. «Anschliessend», sagt Media-Markt-Sprecherin Séverine de Rougemont, «werden nur noch Permanent-Tragtaschen angeboten.» Dabei handelt es sich um RPET-Taschen. Diese bestehen aus Kunststoff von gebrauchten PET-Flaschen, sind robust und mehrfach verwendbar. Eine Tasche der Grösse L kostet 1 Franken, für XL-Modelle sind 2 Franken fällig. Für Kleineinkäufe hält der Media-Markt Papiertaschen bereit – für die erwähnten 30 Rappen.

Discounter als Vorreiter

Wie ist das nun mit der Vorreiterrolle von Media-Markt? «Im Kreis unserer Mitglieder gibt es schon lange Vorreiter, die bereits jetzt auf freiwilliger Basis einen Beitrag zur Reduktion von Wegwerfplastiksäcken leisten», sagt Dagmar Jenni, Geschäftsführerin der Swiss Retail Federation. «Dazu gehören beispielsweise Aldi und Lidl. Diese Unternehmen geben schon heute an den Kassen grundsätzlich keine Wegwerfplastiksäcke mehr ab.»

Der Swiss Retail Federation gehören weitere Lebensmitteldetailhändler wie Manor, Spar und Volg an. Und um den Lebensmittelhandel geht es in der Plastiksackdiskussion vorrangig. Denn dort fällt der Grossteil des Wegwerfsackverbrauchs an. Und der ist umweltschädlich. Die rund 3000 Tonnen Plastiksäcke, die bis dato gratis an den Kassen abgegeben wurden, entsprechen zwar nur 0,5 Prozent des jährlichen Verbrauchs von Kunststoffen in der Schweiz. Aber: Plastik belastet die Umwelt immer mehr. Vom freiwilligen Verzicht der Branche, die nebst der Swiss Retail Federation von der Interessengemeinschaft Detailhandel Schweiz (IG DHS; hier sind Coop und Migros Mitglied) repräsentiert wird, erhofft man sich eine Reduktion der Abgabemenge um rund 80 Prozent. So dürfte es laut IG DHS möglich sein, «ein gleichwertiges Reduktionsziel zu erreichen, wie es sich die EU bis 2025 gesetzt hat». Konkret strebt die EU eine Reduktion des jährlichen Verbrauchs von Kunststofftragetaschen auf höchstens 40 pro Einwohner an. Heute liegt diese Zahl etwa in Deutschland bei fast dem Doppelten. Um die EU-Richtlinie umzusetzen, kosten Plastiksäcke bei unserem nördlichen Nachbarn seit Juli.

Weiterhin gratis abgegeben werden können die kleinen weissen Einwegplastiksäckli sowohl in der EU wie in der Schweiz im Offenverkauf. Etwa bei Früchten, Gemüse und Backwaren ist diese Verpackungslösung aus hygienischen Gründen sinnvoll respektive nötig. Hierzulande soll auch Convenience, also schnell zu verzehrende Lebensmittel, ausgenommen sein, «weil solche Shops hauptsächlich spontane Einkäufe verzeichnen und die Menge der Einwegplastiksäcke mit einem Verzicht auf die kostenlose Abgabe nicht wesentlich reduziert würde», wie die Swiss Retail Federation argumentiert. In trockenen Tüchern ist die freiwillige Branchenvereinbarung von IG DHS und Swiss Retail Federation noch nicht. Dazu müsste der Ständerat die Motion von Dominique de Buman abschreiben, mit welcher dieser 2012 ein Verbot der Wegwerfplastiksäcke gefordert hatte. Der Nationalrat hat dies im Juni dieses Jahres bereits getan. Die Umweltkommission des Ständerats empfiehlt dasselbe.

Adäquate Vorlaufszeit

Die Branche selber ist parat. Die Vereinbarung auf den Verzicht von Wegwerfplastiksäcken respektive eine kostenpflichtige Abgabe soll ab «spätestens 1. Januar 2018 gelten», wie Jenni sagt. Bis dann sollen die Unternehmen die notwendigen Umstellungen vorgenommen haben. Und auch für die Kundschaft sei dies eine adäquate Vorlaufzeit. Es sei jedenfalls erfreulich, «dass der Detailhandel auf freiwilliger Basis bereit ist, schnell wirksame Massnahmen zu ergreifen und einen ökologischen Beitrag zu leisten», sagt Jenni erfreut.

Apropos Kunde: Als solcher hätte man es eigentlich schon immer selber in den Händen gehabt, dass die Plastiksack­diskussion gar keine sein muss – indem man für jeden Einkauf eine Tasche von zu Hause mitnimmt.


Login

 
Leserkommentare

Anzeige: