Otto’s legt sich mit Coiffeuren an

SURSEE ⋅ Der Discounter Otto’s verkauft Profi-Shampoos zu Tiefstpreisen. Das passt der Coiffeurbranche gar nicht. Der Streit droht ein Fall für die Justiz zu werden.

13. September 2016, 00:00

Maurizio Minetti

Mark Ineichen ist daran gewöhnt, angefeindet zu werden. Immer wieder eckt der CEO des Surseer Harddiscounters Otto’s bei Markenvertretern an. Otto’s importiert Markenprodukte über den Graumarkt – also unter Umgehung des offiziellen Vertriebsweges. So kann er die Ware in seinen Läden viel billiger verkaufen als der reguläre Handel. Seit fast 40 Jahren gehört diese Praxis zum erfolgreichen Geschäftsmodell des Detailhändlers Otto’s. Ein aktueller Streit ging nun aber so weit, dass Ineichen die Justiz einschalten musste.

Preisbrecher im Profi-Segment

Was ist geschehen? Es geht um die Haarpflegeprodukte der Marke Joico, die zum japanischen Kosmetikkonzern Shiseido gehören. Die Produkte findet man in Schweizer Läden in der Regel nicht; es sind sogenannt professionelle Produkte, die nur über Coiffeursalons vertrieben werden. Seit letzter Woche führt aber auch Otto’s das Profi-Shampoo im Sortiment – zu einem sehr tiefen Preis. Die 1-Liter-Behälter kosten bei Otto’s 24.90 Franken. Zum Vergleich: Beim Coiffeur bezahlt man in der Regel doppelt so viel. Selbst Coiffeursalons bezahlen im Einkauf beim Hauptimporteur rund 30 Franken für einen Liter.

Schweizer Generalimporteur von Joico ist die Krienser Firma Blue Box Distribution AG. Dort wurde man letzte Woche auf die Preisoffensive aufmerksam. Möglich sei dies nur durch Grauimport, sagt Marcel Meyer, CEO von Blue Box. Grauimport ist allerdings nicht verboten und Otto’s macht auch keinen Hehl daraus, dass die Ware direkt aus dem Ausland eingeführt wird. Was Meyer aber sauer aufstösst: «Ich habe ein gewisses Verständnis dafür, wenn Otto’s beispielsweise Pasta billiger verkauft als bei Coop oder Migros. Aber ich verstehe nicht, warum Otto’s in einem solch kleinen Markt als Preisbrecher agiert.»

«Angriff auf die Coiffeur-Branche»

Meyer schätzt, dass Otto’s mit den Produkten nur einige zehntausend Franken Umsatz macht. Er sieht diese Aktion als Angriff auf die Coiffeur-Branche: «Coiffeure leben unter anderem davon, dass sie professionelle Produkte mit angemessener Marge verkaufen können. Dafür leisten sie hochkompetente Beratung und die Kunden wissen das zu schätzen», sagt Meyer.

Zumindest ein Coiffeur aus Altdorf – ein Kunde von Blue Box – hat letzte Woche empört auf die Preisoffensive von Otto’s reagiert. In einem für alle Nutzer zugänglichen Facebook-Eintrag heisst es, die Produkte seien alt und nicht für den europäischen Markt zugelassen. «Zudem ist noch nicht sicher, ob in den Flaschen auch wirklich Joico enthalten ist oder es sich um eine Fälschung handelt.» Solche Preisdumpings würden dem Markt schaden, heisst es. Blue Box hat den Beitrag auf der eigenen Facebook-Seite geteilt.

Bereits einige Tage vorher hatte Blue-Box-Chef Marcel Meyer bei Otto’s telefonisch interveniert. Im Gespräch mit einem zuständigen Mitarbeiter wurde es dann schnell laut. «Ich habe im Affekt Sachen gesagt, die ich heute bedaure», sagt Meyer. Für Ineichen ist die verbale Entgleisung aber noch nicht gegessen: «So etwas habe ich noch nie erlebt. Wir nutzen jetzt alle rechtlichen Mittel gegen Blue Box und die Verfasserin des Facebook-Eintrags», sagt der Otto’s-Chef.

«Unbegründet und rufschädigend»

Die aus der Coiffeurbranche geäusserten Vorwürfe lässt Ineichen derweil nicht gelten. Die Produkte seien weder gefälscht, noch kämen sie aus dubiosen Quellen. «Das könnten wir uns gar nicht leisten», sagt er. Die Aussagen auf Facebook taxiert er als rufschädigend. «Die gegenüber Otto’s erhobenen Vorwürfe sind haltlos. Die Kennzeichnung der Produkte erfüllt die gesetzlichen Anforderungen. Dies wird jeweils durch unsere Einkäufer im Voraus geprüft. Unsere Lieferanten beziehen die Originalware beispielsweise von Abnehmern im Ausland, die beim Hersteller zu grosse Posten eingekauft haben und diese über die offiziellen Vertriebskanäle nicht mehr absetzen können», erklärt Ineichen. Dadurch könne man zu deutlich günstigeren Konditionen einkaufen.

Ineichen weist auch die Behauptung zurück, dass es sich um veraltete oder gefälschte Ware handeln könnte. «Auf unsere Nachfrage hin konnte der Lieferant ausfindig machen, dass sämtliche bei Otto’s erhältlichen Produkte Ende 2015 produziert wurden. Sie befinden sich somit in einwandfreiem Zustand, denn Kosmetikprodukte, auf denen kein Mindesthaltbarkeitsdatum aufgedruckt ist, bleiben während mindestens 30 Monaten haltbar.»

Für Ineichen dürfte es nicht das letzte Mal gewesen sein, dass er sein Geschäftsmodell erklären muss. Gleichzeitig ist er damit aber wohl nicht zum letzten Mal angeeckt.


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