Piloten fürchten um ihre Privilegien

DEUTSCHLAND ⋅ Mehr als eine halbe Million Passagiere waren von den wiederholten Streiks bei der Lufthansa in den letzten Tagen betroffen. Im Konflikt geht es den Piloten nur vordergründig um mehr Lohn.

01. Dezember 2016, 00:00

Christoph Reichmuth/Berlin

christoph.reichmuth@luzernerzeitung.ch

Immerhin fliegen sie heute wieder mehr oder weniger planmässig, die Flugzeuge mit dem blau-gelben Kranich in der Heckflosse. Die Lufthansa rechnet für heute mit dem Ausfall von etwa 40 Flügen. Das ist im Vergleich zu den letzten Tagen kaum der Rede wert. Alleine gestern musste die Airline wegen des Streiks ihrer Piloten 890 Flüge streichen, an den sechs Streiktagen seit vergangenem Mittwoch waren über 525000 Passagiere von 4461 Flugausfällen betroffen.

Die Schweizer Konzerngesellschaft Swiss flog wegen des Streiks bei Lufthansa auf den Strecken nach Deutschland mit grösseren Passagiermaschinen, «um mehr Sitzkapazitäten für betroffene Passagiere anbieten zu können», wie Swiss-Sprecherin Sonja Ptassek auf Anfrage erklärt.

Kritik an «zerstörerischem» Streik

Der Streik kostet den Konzern 10 bis 15 Millionen Euro pro Tag, noch stärker zu Buche schlagen dürfte der Imageverlust für Europas grösste Airline. Kunden können Flüge nicht antreten und müssen umbuchen, das Agieren der Piloten stösst zudem in anderen Teilen des Lufthansa-Konzerns mit seinen 120000 Mitarbeitern zunehmend auf Kritik.

Beim Frankfurter Flughafen versammelten sich gestern etwa 400 Angestellte des Bodenpersonals und anderer Konzernbereiche, um gegen die Arbeitsniederlegung der Piloten zu demonstrieren. Die Konzernmitarbeiter fürchten, ihr Arbeitgeber könnte wegen der immer wiederkehrenden Streiks der Piloten langfristig Schaden nehmen. «Ich schäme mich für ihre Gier», sagte eine erboste Lufthansa-Mitarbeiterin.

Seit April 2014 haben die Piloten der Lufthansa mehr als ein Dutzend Mal gestreikt. Der renommierte Luftfahrtexperte Cord Schellenberg rechnet gegenüber unserer Zeitung vor, dass beim Konzern in den letzten Jahren Streikkosten von 500 Millionen Euro aufgelaufen sind. «Das ist der Wert für zwei Grossraumflugzeuge.» Zumindest vordergründig geht es bei dem seit April 2014 dauernden Tarifkonflikt zwischen dem Konzern und der Pilotengewerkschaft Vereinigung Cockpit (VG) um Gehalt und Rente. Die Gewerkschaft, die 5400 Piloten der Lufthansa, Lufthansa Cargo und Germanwings vertritt, fordert eine Gehaltssteigerung von 3,7 Prozent pro Jahr – einschliesslich Nachzahlungen für vier Jahre. Mit Zinseffekten kommen die Piloten so auf eine Gesamtforderung von ungefähr 20 Prozent. Die Lufthansa hat den Piloten gestern ein neues Angebot unterbreitet. Sie schlägt vor, die Vergütung der Piloten in zwei Schritten um 4,4 Prozent zu erhöhen, will aber die vergleichsweise lukrative Altersrente der Piloten anpassen. Die Piloten reagierten auf das Angebot mit Zurückhaltung.

Der Streit ums Geld stösst nicht zuletzt deshalb auf Unverständnis in der Öffentlichkeit und innerhalb des Konzerns, weil die Lufthansa-Piloten mit ihren Einstiegs- und Spitzengehältern von 70000 bis über 200000 Euro als besonders privilegiert gelten. Kommt hinzu, dass die Lufthansa-Piloten bereits heute eine automatische Lohnsteigerung von etwa 3 Prozent jährlich bis zu ihrem 55 Lebensjahr erhalten, damit wird die angeeignete Erfahrung der Flugkapitäne honoriert und die Teuerung ausgeglichen.

Allerdings sind Geld und Rente nicht die einzigen Knackpunkte in dem seit zweieinhalb Jahren schwelenden Streit. Im Kern wenden sich die Piloten gegen die neue Konzernstrategie von Europas grösster Airline. «Die Piloten stellen sich mit dem Streik in der neuen unternehmerischen Ausrichtung der Lufthansa quer», erklärt Luftfahrtexperte Cord Schellenberg. Die Lufthansa-Piloten befürchten, dass die Stärkung des Billigflieger­geschäfts dazu führt, dass sie ihre im Lufthansa-Konzerntarifvertrag (KTV) schon seit Jahren zugesicherten Besitzstände auf kurz oder lang aufgeben müssen. Denn Lufthansa stärkt mit ihrer in Wien angesiedelten Tochtergesellschaft Eurowings das Billigfluggeschäft, um mit preisgünstigen Anbietern wie Ryanair oder Easyjet konkurrieren zu können. Mit Eurowings setzt Lufthansa also auf den schnell wachsenden Markt für Billigflüge in Europa, die Lufthansa konzentriert sich verstärkt auf Langstreckendestinationen. Weil aber Eurowings-Piloten nicht zu den Vorzugs­bedingungen arbeiten wie die Lufthansa-Piloten, fürchtet die Pilotengewerkschaft langfristig um die Privilegien für ihre Piloten. Ausserdem habe die Gewerkschaft Cockpit auf die Verhältnisse in Österreich keinen Einfluss, weshalb sie mit Streiks Druck auf die Konzernspitze auszuüben versuche, erläutert Cord Schellenberg weiter. «Die Piloten wollen den Konzern dazu bringen, die Kernmarke Lufthansa zu stärken und nicht den Billigflieger Eurowings, bei dem Piloten zu schlechteren Konditionen fliegen.» Ausserdem wolle die Gewerkschaft mit aller Kraft Teil­bereiche des Konzerns in ihren Geltungsbereich verlagern, um künftig stärker Mitsprache über die künftige Ausrichtung des Konzerns zu haben.

Dauer des Konflikts noch unklar

Wie lange der Tarifkonflikt noch dauern wird, ist unklar. Laut Schellenberg hat die Pilotenvereinigung ihre Forderung beim Gehalt derart in die Höhe geschraubt, dass eine zeitnahe Einigung unwahrscheinlich ist. «Die Fronten sind verhärtet.» Lufthansa könne eine Gehaltserhöhung von 10 bis 20 Prozent für die Piloten nicht einfach durchwinken, um dem Streik ein Ende zu bereiten.

Die Gefahr sei gross, dass auch das Boden- und Kabinenpersonal satte Lohnerhöhungen einfordert. Bis Weihnachten seien mehr Streiks nicht ausgeschlossen. Der Lufthansa-Kapitän und frühere Chef der Pilotenvereinigung Cockpit, Thomas von Sturm, sagte gegenüber der Zeitung «Die Zeit»: «Das halten wir zur Not auch noch fünf Jahre durch.» Auf die Frage, was er tun würde, wenn er zu Weihnachten nach New York fliegen wollte, antwortete der Pilot: «Wenn ich sichergehen wollte, würde ich United Airlines buchen.»


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