Regeln, wer das Sagen hat

VORSORGEAUFTRAG ⋅ Verliert jemand nach einem Schicksalsschlag die Urteilskraft, reden die Behörden bei der Verwendung des Vermögens mit. Ein Vorsorgeauftrag hilft, dass dies im Sinne der Familie geschieht.
20. April 2017, 00:00

Rainer Rickenbach

rainer.rickenbach@luzernerzeitung.ch

Der Ehemann liegt nach einem Verkehrsunfall im Koma. Er ist Unternehmer und hat den grössten Teil des Vermögens in sein KMU investiert. Es dauert darum nicht lange, bis seine Frau und die studierenden Kinder sich in einem finanziellen Engpass befinden. Sie beschliessen, das grosse Haus und einen Teil des Aktienbesitzes zu verkaufen, damit sie mit dem Erlös die Lebenshaltungs- und Ausbildungskosten weiter finanzieren können.

Kein Problem, sollte man glauben. Doch die Kindes- und Erwachsenenschutzbehörden (Kesb) haben dabei ein gewichtiges Wort mitzureden. Die seit vier Jahren gültigen gesetzlichen Erwachsenenschutzbestimmungen beauftragen diese Behörde, dafür zu sorgen, dass mit dem Vermögen des Ehemannes in unserem Beispiel angemessen umgegangen wird.

Was angemessen ist, darüber können die Meinungen zwischen Angehörigen und Behördenvertretern indes weit auseinandergehen. Es hilft den Familienmitgliedern auch nichts, wenn sie sicher sind, durchaus im Sinne des kranken Ehemannes und Vaters zu handeln, wenn er nicht zuvor schriftlich festgelegt hat, wer nach dem Verlust seiner Zurechnungsfähigkeit über sein Vermögen bestimmen kann.

«Die Behörden haben in erster Linie den Erhalt des Vermögens der Erkrankten im Blick. Wenn ein Vermögensverzehr nötig wird, führt das oft zu Konflikten», sagt Alain Pretre, Leiter Recht beim Beratungsunternehmen BDO Region Zentralschweiz. Die auseinanderdriftenden Interessen werden nach seiner Einschätzung vor allem dann zum Problem, wenn die Vermögensverhältnisse komplex sind – etwa bei Unternehmern oder vermögenden Familien.

Person bestimmen, die über Vermögen verfügt

Bei der BDO haben sich darum rund drei Dutzend Kunden einen sogenannten Vorsorgeauftrag ausarbeiten lassen, Tendenz steigend. Pretre: «Mit dem Vorsorgeauftrag lässt sich bestimmen, wer die erkrankte Person in persönlichen, finanziellen oder rechtlichen Angelegenheiten vertritt.» Im Falle unserer Beispiel-Familie kann das die Ehefrau, eines der erwachsenen Kinder, aber auch eine nahestehende Person sein, die sich in Fragen der Vermögensverwaltung auskennt. Das Wort der im Vorsorgeauftrag bestimmten Person hat im Konfliktfall mehr Gewicht als das der Kesb. Der Auftragsverfasser kann zum Beispiel auch festlegen, in welchem Heim er untergebracht werden will oder wer im Betrieb das Sagen hat, wenn er aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr in der Lage ist, die Lage seines Unternehmens zu beurteilen. Das fördere das Selbstbestimmungsrecht der Familie, sagt Pretre.

«Viele Leute haben zwar ihre Vermögensfragen für den Todesfall in einem Testament geregelt. Für den Fall des Verlustes ihrer Urteilskraft ist das aber eher die Ausnahme», sagt Pretre. Der Vorsorgeauftrag muss entweder von Hand geschrieben und unterzeichnet oder notariell beurkundet sein. Je komplexer er ist, desto teurer fällt die Rechnung dafür aus. Im Normalfall dürfte ein Vorsorgeauftrag etwa 2000 Franken kosten. 500 Franken davon entfallen auf die Beurkundung.


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