Schweizer Abfallkönig muss ins Gefängnis

FRANKREICH ⋅ Ein französisches Gericht hat den Ex-Chef der Recyclingfirma Citron, Michael Brüggler, zu drei Jahren Haft verurteilt. Der ehemalige Banker hat Umweltvorschriften grob missachtet.

24. November 2016, 00:00

Daniel Zulauf

daniel.zulauf@luzernerzeitung.ch

Michael Brüggler, der letzte Chef der einst viel gepriesenen Schweizer Sondermüllrecycling-Firma Citron, muss nach dem Urteil des «Tribune de Grande Instance» in der französischen Hafenstadt Le Havre für drei Jahre hinter Gitter. Der 49-jährige Zürcher ist der Protagonist eines handfesten Umweltskandals mit prominenter Schweizer Beteiligung.

Die Verurteilung markiert das vorläufige Ende einer Geschichte, die vor 25 Jahren im kleinen Kreis hoffnungsvoll begonnen hatte. Mit Hilfe eines speziellen Verbrennungsverfahrens wollte Citron als erstes Unternehmen dem Sondermüll die giftigen Schwermetalle entziehen und so die Rückgewinnung gesäuberter mineralischer und metallischer Stoffe erreichen. Doch mit der Kommerzialisierung des Verfahrens im grossen Stil nahm die Geschichte von Citron bald jene fatale Wendung, für die Brüggler und dessen ehemaliger französischer Betriebschef Be­noit Baudouin nun mit Gefängnis bezahlen müssen.

«Premiere im französischen Recht»

Brügglers Strafe entspricht dem von der Anklage geforderten Maximum. Raymond Léost, Aufsichtsratsmitglied von France Nature et Environnement, einer Dachorganisation französischer Umweltschutzverbände, bezeichnet das Urteil als «eine Premiere im französischen Umweltrecht». Die Strafe sei zwar gerechtfertigt und entspreche der Schwere der begangenen Vergehen, meint der Jurist, aber leider seien ausgewogene Urteile in Umweltfragen in der französischen Rechtssprechung noch keine Selbstverständlichkeit.

Brüggler wurde in Le Havre aber nicht nur für die grobe Missachtung von Umweltvorschriften verurteilt. Der ehemalige Banker, der bei Citron zuerst die Finanzierung organisierte, bis er die Gesellschaft 2007 ganz unter die eigene Kontrolle brachte, wurde vom Gericht auch für Vergehen an den eigenen Mitarbeitern und für eine ganze Reihe weiterer teilweise schwerwiegender Tatbestände bestraft.

Rechtsanwalt Christophe Oléon, der Brüggler im Prozess verteidigt hatte, spricht von ei­nem überharten Urteil. Das Gericht habe sich von den Emotionen der zahlreichen am Prozess teilnehmenden Zivilparteien leiten lassen, sagt Oléon. Tatsache ist, dass an dem dreitägigen Prozess im Oktober gut 60 ehemalige Mitarbeiter oder rund die Hälfte der ganzen Belegschaft des einstigen Citron-Werkes in Le Havre teilgenommen hatten. Viele von ihnen kamen am Montag auch zur Urteilseröffnung. In den Kommentaren, welche die Betroffenen gegenüber den lokalen Medien abgaben, war von «Erleichterung» und «Befrei­ung» die Rede.

Die emotionale Seite der Citron-Affäre ist nicht zu übersehen. Vor diesem Hintergrund platzierte Brügglers Anwalt auch seine Kritik am Urteil. Doch die immer noch präsente Wut der Betroffenen über die Ereignisse, die teilweise schon zehn Jahre in die Vergangenheit zurückreichen, spricht für sich. Mehr als 20 ehemalige Angestellte Brügg­lers wollen sich in den nächsten Monaten einer vertieften medizinischen Untersuchung unterziehen lassen, um allfällige gesundheitliche Langzeitfolgen aus der Beschäftigung in dem Sondermüllverbrennungswerk feststellen zu lassen. Die medizinischen Befunde sollen im Rahmen einer weiteren gerichtlichen Anhörung im kommenden März festgestellt werden.

Die Citron-Affäre muss auch die Schweiz interessieren, denn neben Brüggler haben hierzulande auch zahlreiche andere Akteure an verschiedenen Stellen direkt und indirekt dafür gesorgt, dass der Skandal die nun endlich aufgedeckten Ausmasse annehmen konnte.

Schweizer Kehrichtverbrennungsanlagen exportierten ihre giftige Filterasche nach Frankreich, und Schweizer Automobilabfälle wurde im grossen Stil in Le Havre in den Ofen geschoben. Man spricht von etwa 20000 Tonnen Sondermüll, entsprechend einer Lastwagenkolonne von 8 Kilometern Länge, die jährlich von der Schweiz nach Le Havre verschickt wurden. Hierzulande war längst bekannt, dass der Betrieb die Vorschriften der Behörden in gröbster Manier missachtete. Man begnügte sich mit dem Argument, es sei an den Franzosen, diesem Treiben Einhalt zu gebieten.

In Frankreich liegen noch Tausende Tonnen Abfall

Brüggler und Baudouin wurden vom Gericht zu Schadenersatzleistungen von insgesamt mehr als einer Million Euro verknurrt. Ob dieses Geld jemals fliessen wird, ist ungewiss. Für die Investoren ist der finanzielle Schaden der Citron-Pleite längst vergessen. Rund 200 Millionen Franken war die Firma an der Berner Börse einst wert gewesen.

In Frankreich liegen immer noch Tausende von Tonnen Abfallresten auf dem Citron-Geländer herum. Dessen Säuberung dürfte nach Schätzungen gegen 40 Millionen Euro verschlingen. Vermutlich werden die beiden das Urteil an die nächsthöhere Instanz in Rouen weiterziehen.


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