Swiss und SBB kurbeln die Wirtschaft an

KONJUNKTUR ⋅ Die Schweizer Wirtschaft wächst stärker als erwartet – und dies, obwohl der private Konsum stockt. Die Zahlen lassen auf ein gutes Gesamtjahr hoffen.

07. September 2016, 00:00

Daniel Zulauf

Die Schweizer Konjunktur gleicht derzeit einer Wundertüte – mindestens was die quartalsweisen Veränderungsraten anbelangt. Von April bis Juni ist das Bruttoinlandprodukt (BIP) nach vorläufigen Angaben des Bundes preisbereinigt um 0,6 Prozent gegenüber dem unmittelbar vorausgegangenen Dreimonatsabschnitt gewachsen. Gemäss Simon Jäggi vom Staatssekretariat für Wirtschaft habe man zwar mit einem höheren Wachstum rechnen können, doch die Zunahme sei am oberen Rand der Erwartungen ausgefallen. In der Tat prognostizierten die Ökonomen im Mittel lediglich ein Plus von 0,4 Prozent.

Mit Vorsicht zu geniessen

Demgegenüber fiel das Startquartal im laufenden Jahr erstaunlich schlecht aus. Die erste Schätzung des Bundes lag bei lediglich 0,1 Prozent. Inzwischen wurde sie auf immerhin 0,3 Prozent nach oben revidiert. Als schwach wurde das Wachstum im ersten Jahresabschnitt vor allem deshalb empfunden, weil die Wirtschaft in den letzten drei Monaten des vergangenen Jahres erstaunlich gut gelaufen war. Entgegen den damals noch weit verbreiteten Rezessionsängsten im Zug des Frankenschocks von Anfang 2015 expandierte das BIP in jenem Zeitabschnitt um 0,5 Prozent. Quartalsveränderungen im BIP seien ganz grundsätzlich mit grosser Vorsicht zu geniessen, sagt Yngve Abrahamsen von der Konjunkturforschungsstelle der ETH Zürich (KOF). Das hat einerseits mit der Kleinheit der schweizerischen Volkswirtschaft zu tun, in der einzelne Ereignisse die Statistik doch deutlich beeinflussen können. Ein Problem ist aber auch, dass die Veränderungsraten bei dem aktuell niedrigen Wachstumstempo viel stärker ins Auge fallen, als wenn die Wachstumsraten deutlich höher sind.

Deutlich wird das letztere Argument in den vorliegenden BIP-Zahlen etwa, wenn man die sogenannten Vorratsveränderungen in Betracht zieht. Diese bilden quasi die unerklärte Differenz zwischen den beiden Methoden, nach denen das BIP berechnet wird. Die eine Methode misst die Wertschöpfung der einzelnen Sektoren – von der Industrie über den Bau bis zum Staatskonsum. Die andere Methode setzt bei der Verwendungsseite an, misst also den Konsum, die Investitionen, den Export usw. Im Berichtsquartal beliefen sich die Vorratsveränderungen auf 0,7 Prozent, im Vorquartal resultierte eine Abnahme um 2,4 Prozent, und in den davorliegenden Abschnitten war der Verlauf ähnlich erratisch.

Unterschiedliche Einflüsse

Mögliche Gründe für solche Abweichungen gibt es viele. Zum Beispiel, dass die Wertschöpfung des Baugewerbes auf der Produktionsseite nicht der gleichen Definition unterliegt wie die verwendungsseitigen Bauinvestitionen. Im Berichtsquartal sind die Bauinvestitionen um 0,3 Prozent gesunken, die Wertschöpfung im Bau ist aber um 0,5 Prozent gestiegen. Das könnte bedeuten, dass weniger Vorleistungen eingekauft wurden, die zwar in die Wertschöpfungsrechnung, aber nicht in die Berechnung der Investitionen einfliessen.

Kaum schlüssig zu erklären sind die Schwankungen beim privaten Konsum; von starken 0,5 Prozent im ersten Quartal auf 0 Prozent im Berichtsabschnitt.

Trügerisch sind auch die Ausrüstungsinvestitionen, die von April bis Juni um 0,9 Prozent gefallen sind, nachdem sie von Januar bis März noch um 3,7 Prozent gestiegen waren. Als Ausrüstungsinvestitionen gelten zum Beispiel auch Investitionen der Swiss in die neue Flugzeugflotte. Die Airline hat im ersten Quartal die erste von neun Boeing 777-300ER empfangen, die total 3 Milliarden Dollar kosten. Ab Juli bis Ende 2018 werden die 30 kleineren Maschinen der C Series von Bombardier für insgesamt 2 Milliarden Dollar geliefert. Der Flugzeugkauf ist hierzulande kaum arbeitswirksam. Auch die SBB erwarten demnächst eine Grosslieferung von neuen Doppelstockwagen, die zum grossen Teil im Bombardier-Werk in Görlitz (Deutschland) gefertigt werden. Das Auftragsvolumen von 1,9 Milliarden Franken fliesst auch hier als Ausrüstungsinvestition in die volkswirtschaftliche Gesamtrechnung ein.

Trotz allem darf man die aktuellen BIP-Schätzungen als gutes Omen werten. Hochgerechnet auf zwölf Monate lassen sie ein BIP-Wachstum 2016 von 1,1 Prozent erwarten. Das ist dank einiger robuster laufenden Exportbranchen sicher mehr, als man noch vor sechs Monaten hoffen durfte.


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