Weniger Buchhaltung ist mehr

SWISSDEC ⋅ Seit zehn Jahren sorgt eine Pioniertat des Unfallversicherers Suva für Furore in Schweizer Unternehmen. Die Standardisierung des allgemeinen Lohnmeldeverfahrens hält die Firmen nicht mehr weiter von der Arbeit ab.
22. April 2017, 00:00

Balz Bruder

balz.bruder@luzernerzeitung.ch

«Für mich ist das der Durchbruch im Bereich der administrativen Entlastung der KMU.» Diesen Satz prägte im Oktober 2004 der Unternehmer und FDP-Nationalrat Otto Ineichen (1941–2012). Was Ineichen damit meinte, war dies: Suva-Mann Ernst Stalder (65), ausgebildeter Chemiker und Informatiker, lancierte unter dem Dach der Unfallversicherung das erste elektronische Lohnmeldeverfahren in der Schweiz. Zusammen mit Partnern von Bund und Kanton war es nach jahrelanger Vorarbeit gelungen, den Administrationsaufwand im Lohnmeldeverfahren gleichsam per Mausklick entscheidend zu reduzieren. Geschätztes Sparpotenzial für die damals 300000 Schweizer Firmen: 1,2 Milliarden Franken. ­Einige hundert Millionen dürften es inzwischen geworden sein.

Doch aufgepasst: Wer meint, die von den Suva-Pionieren 2005 ins Leben gerufene Standardisierung, Vereinheitlichung und Vereinfachung der Übermittlung von elektronischen (Lohn-)Daten sei von der Wirtschaft mit Begeisterungsstürmen willkommen geheissen worden, täuscht sich. Der Vizedirektor des Schweizerischen Gewerbeverbands, Marco Taddei, hinterfragte nicht nur die Rolle der Suva, den Datenschutz, die Kosten und die behauptete Freiwilligkeit. Ins gleiche Horn stiess Economiesuisse: Der damals von Rudolf Ramsauer geführte Wirtschaftsdachverband mahnte insbesondere politische Transparenz und saubere Kommunikation an. Wobei der Ton, den die Verbände gegenüber ­Suva-Verwaltungsratspräsident Franz Steinegger und CEO Ulrich Fricker anschlugen, nicht von besonderem Vertrauen zeugte.

Tempi passati. Heute ist der Verein Swissdec, dem seit der Gründung Stalder als Geschäftsführer und der Ende 2015 als Vorsitzender der Suva-Geschäftsleitung zurückgetretene Ulrich Fricker als Präsident vorstehen, überall akzeptiert. Was kein Wunder ist, weil die KMU-Welt seit der Einführung Anfang 2005 um keinen Preis auf die Dienstleistungen von Swissdec verzichten möchte. Der Nutzen ist dieser: Die zertifizierten Programme der Suva-Gründung machen es möglich, dass die Lohndaten an alle Stellen nur einmal verschickt werden müssen. Die Software stellt automatisch für jeden Empfänger den ihm gesetzlich zustehenden Datensatz zusammen und nimmt dabei gleichzeitig alle möglichen Abzüge vor.

Software-Lösung ist äusserst beliebt

Die Standardlösung für das einheitliche Lohnmeldeverfahren (ELM), mit dem die einschlägigen Meldungen an Versicherer, AHV/IV, Suva, Steuerämter und Bundesamt für Statistik übermittelt werden, ist ein Renner. 85000 Unternehmen nutzen die Plattform.

Und mit der Version 4.0 wächst auch die Zahl der Quellensteuerabrechnungen, die Swissdec anbietet, rasant: Waren es im Jahr der Einführung noch 263000 Personen, stieg die Anzahl 2015 auf deren 980000 und erreichte 2016 nicht weniger als 2,172 Millionen. Und ein Ende ist nicht absehbar: Mit der Revision der Quellensteuerordnung durch das Bundesparlament wird die Vereinheitlichung und Elektronisierung einen weiteren Schub erfahren. «Einfach, schnell, sicher, günstig», fasst Stalder die Dienstleistung zusammen, «wir bieten Lösungen an, die zum einen effizient sind, weil sie eine gute Kosten-Nutzen-Relation haben, zum anderen solche, die sich durch Qualität und Sicherheit auszeichnen.» Dies im Wissen darum, dass Vertrauen im elektronischen Datenaustausch alles ist.

Wenn Stalder an die technischen Möglichkeiten von Enterprise-Ressource-Planning (ERP)-Systemen im Bereich der Finanz- und Lohnbuchhaltung in Unternehmen denkt, ist das Ende der Fahnenstange lange nicht erreicht. «Gerade Unternehmen mit bis zu zehn Angestellten haben oft keine eigene Buchhaltung», sagt er, «für sie ist die Übermittlung der Lohndaten an die verschiedenen Behörden und Unfallversicherer ein beträchtlicher Aufwand.» Bei diesen Betrieben bestehe denn auch eine grosse Bereitschaft für eine digitale Lösung bei der Übermittlung von Lohndaten an Steuerverwaltung, Unfallversicherung oder Ausgleichskasse.

Nicht nur dies: 2017 führt Swissdec eine standardisierte Lösung für die Abwicklung von Unfällen und Krankheitsfällen ein. Damit werden Firmen das gesamte Schadenmanagement über die Plattform abwickeln können. Später soll das System auch auf Mutterschaft und Militär ausgeweitet werden. Für Swissdec-Geschäftsführer Stalder, seit über 35 Jahren bei der Suva, steht fest: «Wir befinden uns erst am Anfang des Internets der Dinge.» Mit Auswirkungen auch für die Dienstleistungen für «sein» Unternehmen: «Die ERP-Systeme werden intelligenter und führen die Prozesse selber.» Dass sich der «Werkzeugkasten» von Swissdec erheblich erweitern wird, ist für Stalder unbestritten. Jedenfalls sind die Zeiten der individuell ausgefüllten und eingesendeten Formulare endgültig vorbei. Auch wenn sich das die Wirtschaftsverbände vor gut zehn Jahren noch nicht so richtig vorstellen konnten. Ganz nach dem Swissdec-Motto: «Die Buchhaltung sollte Sie nicht von Ihrer Arbeit ablenken.»


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