«Wo Rauch ist, ist auch Feuer»

DEUTSCHLAND ⋅ Der Diesel-Skandal weitet sich aus: Nun nehmen die Ermittler die VW-Tochter Audi ins Visier. Büroräume und Privathäuser wurden durchsucht. Die Ermittler prüfen, ob Audi für die Schummel-Software verantwortlich ist.

16. März 2017, 00:00

Christoph Reichmuth, Berlin

christoph.reichmuth@luzernerzeitung.ch

Eigentlich wollte Audi gestern an der Bilanzpressekonferenz Optimismus verbreiten, im Zusammenhang mit der Diesel-Affäre sei das Schlimmste überstanden. Doch als Audi-Chef Rupert Stadler gestern um 10 Uhr in Ingolstadt vor die etwa 100 Journalisten aus aller Welt trat, interessierten die Audi-Zahlen nur noch am Rande (vgl. Box). Ein paar Meter neben dem Medienzentrum waren drei Stunden zuvor, pünktlich um sieben Uhr in der Früh, Dutzende von Staatsanwälten und Ermittler bei der Konzernzentrale der VW-Premium-Tochter vorgefahren, um die Büroräume im Vorstandstrakt nach Dokumenten, Festplatten und Ordnern zu durchsuchen.

Zeitgleich fuhren Ermittler auch bei der VW-Zentrale in Wolfsburg und bei einem Audi-Werk in Baden-Württemberg vor. Sogar Privatwohnungen einiger Audi-Mitarbeiter wurden durchsucht. «Ich habe noch keinen Besuch gesehen», sagte Stadler vor der Presse: «Ich bin aber auch seit 7.30 Uhr hier, und meine Frau hat noch nicht angerufen.» Dann versuchte er, das Gespräch auf die Betriebszahlen 2016 zu lenken. Er wünsche sich nun, «dass wir uns auf das vergangene Geschäftsjahr konzentrieren».

Das gelang nur bedingt, die Medien interessierten sich vor allem für die aufsehenerregende Razzia. Ein unangemeldeter Besuch von Ermittlern ist für die meisten Konzerne höchst unangenehm, aber just am Tag einer Bilanzpressekonferenz glich der Aufmarsch der Staatsanwälte auf dem Audi-Gelände gestern einem PR-Super-GAU. Audi war in der öffentlichen Wahrnehmung bislang kaum Thema in der Diesel-Affäre, obwohl auch die Ingolstädter im Spätherbst 2015 eingeräumt hatten, die Betrugs-Software in grossen 3-Liter-Dieselmotoren eingebaut zu haben.

Im Fokus der Diesel-Affäre standen stets VW und ihre aktuellen und ehemaligen Vorstandsmitglieder. Von Audi sollen in den USA etwa 80000 Fahrzeuge betroffen sein, die mit dem manipulierten Motor aus dem Audi-Werk ausgestattet waren, von VW waren nahezu 500000 Fahrzeuge allein auf dem US-Markt betroffen. Die VW-Premium-Tochter hatte im vergangenen Jahr bereits Rückstellungen von 1,8 Milliarden Euro wegen der zu erwartenden Kosten getätigt. Die aktuell laufenden Ermittlungen stehen ausschliesslich im Zusammenhang mit Audi-Modellen, die auf dem amerikanischen Markt verkauft wurden. Ermittelt wird nicht gegen einzelne Konzernmitglieder, sondern gegen unbekannt.

Audi: Wiege der Betrugsmotoren?

Nichtsdestotrotz wirft die Razzia kein gutes Licht auf Audi, sagt der Automobilexperte vom Institut für Wirtschaftsanalyse und Kommunikation (IWK) in München, Helmut Becker: «Die Razzia hat mich erschüttert. Diese drastische Massnahme deutet darauf hin, dass Audi – anders als öffentlich verlautet – nicht in ausreichendem Masse mit den Behörden zur Aufarbeitung der Diesel-Affäre kooperiert hat.»

Der Druck auf Stadler dürfte steigen, nachdem schon in jüngerer Vergangenheit der Verdacht geäussert worden war, die manipulierten Motoren seien im Audi-Werk im baden-württember­gischen Neckarsulm entwickelt worden. Diesen Verdacht äusserte gestern auch die Staatsanwaltschaft in München. Die Ermittlungen sollen zutage führen, «ob die Entwicklung der Software zur Manipulation von Abgaswerten in Deutschland stattgefunden hat» und möglicherweise «von der Audi AG gesteuert wurde». Der ehemalige Audi-Motorentwickler Ulrich Weiss beschuldigte im Februar Audi-Chef Stadler ganz konkret. Stadler habe von der Entwicklung der Schummel­motoren gewusst.

Sollte sich der Verdacht bestätigen, wird die Luft für den 53-Jährigen immer dünner. Helmut Becker, Ex-Chefvolkswirt bei BMW, geht davon aus, dass die Vorstände bei VW und Stadler von der Schummel-Software vor Auffliegen des Skandals im Herbst 2015 «gewusst haben müssen, sonst hätten sie ihren Job nachlässig gemacht». Vieles deute darauf hin, dass die Betrugs-Software ursprünglich bei Audi entwickelt worden sei. «Logischerweise hat Audi diese Software danach auch dem Mutterkonzern in Wolfsburg zur Verfügung gestellt – personelle Verflechtungen in der Entwicklung zwischen Mutter und Tochter gab es ja genug.» Becker geht davon aus, dass die Ermittlungen zu neuen Erkenntnissen führen werden. «Sonst hätte die Staatsanwaltschaft diesen spektaku­lären Schritt nicht eingeleitet. Wo Rauch ist, ist auch Feuer. Auch Staatsanwälte wollen sich nicht blamieren.»

Rachefeldzug des Konzernpatriarchen?

Becker schliesst nicht aus, dass der im April 2015 entmachtete Konzernpatriarch Ferdinand Piëch Anteil an der dramatischen Entwicklung bei Audi hat. Der 79-Jährige, der einen internen Machtkampf gegen den vormaligen VW-Chef Martin Winterkorn verloren hatte, beschuldigte vor wenigen Wochen mehrere VW-Vorstände, weit früher von den Schummeleien in den USA gewusst zu haben. Stadler, der jahrelang an der Seite von Piëch tätig war, ging zuletzt auf Distanz zum einst mächtigsten Mann bei VW. «Es würde mich nicht verwundern, wenn die Razzia von Piëch ausgelöst wurde.»

Wie dem auch sei: Der Audi-Chef Stadler betonte auch gestern, dass er keine persönliche Verantwortung für den Diesel-Skandal zu übernehmen bereit sei. Erst kürzlich habe sich der Aufsichtsrat eindeutig hinter ihn gestellt. «Das muss ich nicht weiter kommentieren.»


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