Nachgefragt

«Auf uns hat der Aktienkurs keinen Einfluss»

15. Juli 2017, 00:00

Die Ems-Gruppe hat gestern ihre Zahlen für das erste Halbjahr 2017 präsentiert. Konzernchefin Magdalena Martullo konnte einmal mehr Erfreuliches verkünden: Umsatz und Gewinn sind erneut gestiegen.

Herzlichen Glückwunsch, Frau Martullo. Wieder liegt ein Rekord-Halbjahr hinter Ihnen. Der wievielte Rekordgewinn in Serie ist das?

Da müsste ich nachrechnen. (denkt nach) Seit dem Jahr 2009 schreiben wir jedes Jahr einen Rekordgewinn. Der für das vergangene Jahr wäre dann also der achte gewesen.

Beunruhigt Sie das nie? Es kann ja nicht immer aufwärtsgehen.

Nein, das beunruhigt mich überhaupt nicht, im Gegenteil. Das ist ja unser Ziel. Es gibt nur zwei Möglichkeiten: Wachstum oder Rückschritt; genau wird man das Vorjahresresultat ja nie treffen. Wir müssen wachsen, damit wir weiterhin investieren, Produkte entwickeln und Mitarbeiter ausbilden können. Natürlich kann es sein, dass es einen Rückschlag gibt. Langfristig kann das aber nicht unser Ziel sein. Sonst würden wir nicht überleben.

Wenn man sich die letzten paar Jahre anschaut, geht es mit der Wirtschaft auf- und abwärts, nur die Ems-Gruppe schreibt einen Rekord nach dem anderen. Wieso sind Sie so resistent?

Auch wir sind nicht gefeit gegen Rückschläge und Probleme. In diesem Jahr beispielsweise drücken stark steigende Rohstoffpreise aufs Resultat. Wir müssen die Verkaufspreise erhöhen und mehr neue Entwicklungen realisieren, um trotzdem zu wachsen. Grundsätzlich bin ich aber zuversichtlich: Wir sind gut aufgestellt und sehen Möglichkeiten, auch in Zukunft mit neuen, innovativen Lösungen Geld zu verdienen.

Das operative Geschäft ist das eine, der Börsenkurs etwas anderes. Der Kurs der Ems-Aktie hat in 18 Monaten um 60 Prozent zugelegt. Befürchten Sie nicht, dass er nach unten korrigieren wird?

Das ist gut möglich, weil die gesamte Börse zu hoch bewertet ist. Die Frage ist nur, wann das eintreten wird. Das hängt von den Zinsen ab; hier haben wir bereits Anzeichen aus den USA und aus Europa, dass sie wieder steigen. In diesem Fall werden statt Aktien wieder Obligationen interessanter. Für mich ist das aber kein Problem.

Keine schlaflosen Nächte?

Nein, ich arbeite nicht kurzfristig für die Börse. Auf unser Geschäft hat der Aktienkurs keinen Einfluss. Kurzfristig kann die Börse die Aktie über- oder unterbewerten, wir arbeiten einfach weiter. Bei der Aufhebung des Euro-Mindestkurses in der Schweiz sanken die Aktienkurse von Exportunternehmen um 30 bis 40 Prozent – viel stärker, als das wirkliche Ausmass war.

Sprechen wir über die Schweiz. Sie produzieren hier 46 Prozent Ihrer Produkte, erwirtschaften aber nur 3 Prozent des Umsatzes. Wieso hängen Sie trotzdem am Standort Schweiz?

Wir kämpfen täglich darum, dass der Standort Schweiz attraktiv bleibt. Wir exportieren 97 Prozent der Produkte, die wir in Domat/Ems produzieren. Für uns ist es wichtig, dass wir uns auf unser Geschäft konzentrieren können, ohne grosse Bürokratie. Auch die Steuersituation ist für uns wichtig. Wir verkaufen profitable Spezialitäten, da sind attraktive Steuern unerlässlich. Nur so können wir den Standort weiter entwickeln und investieren.

Sie haben heute ein Ausbildungsprogramm für Ungelernte angekündigt. Wie viele Personen könnten Sie da überhaupt aufnehmen?

So, wie das Programm angelegt ist, können wir jeweils rund 25 Personen gemeinsam ausbilden. Bei einer Kursdauer von einem halben Jahr wären das 50 Personen pro Jahr, die das Programm absolvieren könnten. Wie viele bereits ab August dabei sein werden, wissen wir noch nicht. Die zuständigen Arbeits- und Migrationsämter evaluieren jetzt mögliche Teilnehmer. Es handelt sich ja um ein Pilotprojekt in der Schweiz. Wir müssen ausprobieren, wie es funktioniert. Jetzt fangen wir einfach mal an. Das Interesse der Ämter ist jedenfalls sehr hoch.

Wieso machen Sie so etwas? Um günstige Arbeitskräfte zu bekommen?

Nein. Die Ems-Chemie kann diese Personen kurzfristig kaum einsetzen. Die meisten Mitarbeiter bei uns sind sehr hoch qualifiziert. Wir stellen hier einfach unsere grosse Erfahrung in der Lehrlingsausbildung zur Verfügung. Ein rein gesellschaftliches Engagement…

…das Sie aus welchem Grund eingehen?

Ich glaube einfach, dass Integration nicht durch vom Staat bezahlte Berater erfolgen kann, so wie man sich das in Bern vorstellt. Dass man sich selber ernähren kann und dass man etwas Sinnvolles leistet, ist wichtig für alle Menschen. Das sehe ich immer, wenn Mitarbeiter, beispielsweise aus gesundheitlichen Gründen, plötzlich nicht mehr arbeiten können. Sehen Sie, ich bin nicht dafür, dass jeder und jede aus der ganzen Welt zu uns kommt. Aber es gibt Menschen, die schon hier sind und hier bleiben werden, die keine Ausbildung haben. Sie müssen wir möglichst rasch in den Arbeitsprozess integrieren. Das entlastet auch unsere Sozialwerke. Dabei soll unser Programm mithelfen. (obs)


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