Ausland-Einkauf lohnt sich nicht immer

EINKAUFSTOURISMUS ⋅ Obwohl der Euro an Stärke zulegt, fahren nach wie vor Hunderttausende Schweizer über die Grenze, um sich in den Nachbarländern günstig mit Waren einzudecken. Die Grösse der Ersparnis ist aber von der Distanz abhängig, die man dafür zurücklegt.
11. Januar 2018, 00:00

Rainer Rickenbach

Für ein Basler Ehepaar ist die Rechnung schnell gemacht: Legt es mit seinem Auto die paar Kilometer bis Weil am Rhein zurück, hat sich die Fahrt über die deutsche Grenze finanziell bereits gelohnt, wenn es dort für mehr als umgerechnet knapp 17 Franken einkauft. Denn das Preisniveau in den angrenzenden EU-Ländern ist durchschnittlich um die Hälfte günstiger als im Hochpreisland Schweiz.

Anders sieht die Rechnung für ein Ehepaar aus Luzern oder Altdorf aus. Damit es trotz der langen Fahrt nach Süddeutschland ökonomisch aus dem Schneider ist, muss es am Ende der Einkaufstour schon für fast 600 Franken Waren im Kofferraum verstauen. Diese Werte haben die Detailhandelsspezialisten der Credit Suisse ermittelt. Sie rechnen bei ihren Beispielen mit einem Kilometerpreis von 73 Rappen, gehen von zwei Konsumenten pro Auto und einem durchschnittlichen Einkaufskorb aus. Nicht berücksichtigt sind dabei die ökologischen Folgekosten. Immerhin neun von zehn Einkaufstouristen sind mit dem Auto unterwegs.

Die Rechnung lässt sich auch umdrehen: «Bei einem Einkaufsbetrag von 235 Franken pro Auto mit zwei Personen dürfte der Anfahrtsweg maximal 32 Kilometer betragen, damit sich der Auslandeinkauf im Vergleich zu einem durchschnittlichen Inlandeinkaufsweg lohnt», heisst es in der Studie der Grossbank. Noch vor drei Jahren, unmittelbar nach Aufhebung des Euro-Mindestkurses, wäre ein Einkauf für 200 Franken bei den 32 Kilometern bereits lohnenswert gewesen, der Euro taumelte damals in der Bandbreite von 1 bis 1.09 Franken. Heute bewegt er sich auf das Niveau über 1.17 Franken.

Der Einkaufsweg dauert eineinhalb Stunden

Wenig erstaunlich, sind es vor allem die Bewohner der grenznahen Gebiete, die regelmässig zu gezielten Einkaufstouren in Deutschland, Frankreich, Italien und Österreich aufbrechen. Im vergangenen Jahr entging den Schweizer Detaillisten dadurch ein Umsatzvolumen von etwa 9,1Milliarden Franken. Rund drei Viertel davon trugen Konsumenten aus den Grenzkantonen bei.

Meist begeben sich die Konsumenten zu zweit auf eine gezielte Einkaufstour über die Landesgrenze. Im Durchschnitt nehmen sie die Mühe dreimal pro Jahr auf sich. Sie legen dafür im Mittel 69 Kilometer zurück (Hin- und Rückweg) und sind 88 Minuten auf Achse. Zum Vergleich: Für Inlandeinkäufe liegen die Durchschnittswerte bei Autofahrten für den Einkauf bei 14 Kilometern und 28 Minuten. Vor zwei Jahren gaben die Shoppingtouristen durchschnittlich knapp 250 Franken pro Einkauf aus.

Die Freude an der grenz­überschreitenden Einkaufsfahrt dürfte trotz der erstarkenden Gemeinschaftswährung so schnell nicht abnehmen. Zwar nahmen gemäss dem Forschungszentrum für Handelsmanagement der Universität St.Gallen 2017 etwas weniger Schweizer den Weg über die Grenze für eine Shoppingtour auf sich. «Insbesondere aus der Innerschweiz gingen weniger Konsumenten ins Ausland zum Einkaufen», heisst es im Bericht des Forschungszentrums. Doch wer weiterhin im Ausland seinen Einkaufswagen füllt, kauft mehr ein als früher. «Für ältere Kon­sumenten ist der Auslandein-­kauf populärer geworden. Das Einkommen spielt dabei keine Rolle.» Die Einkaufstouristen schielen dabei gar nicht mehr so sehr auf den aktuellen Eurokurs.

«In den grenznahen Kantonen kauft bereits mehr als die Hälfte der Schweizer Konsumenten aus Gewohnheit im Ausland ein», heisst es im Bericht. Die Zunahme der Gewohnheitseinkäufe sei für die Schweizer Detailhändler «bedenklich», warnen die Verfasser. «Wenn Gewohnheiten entstehen, sind diese langfristig nur schwer wieder zu ändern.»

Besonders begehrt sind bei Einkaufstouristen Drogerieartikel und Nahrungsmittel. Von der Heimelektronik hingegen lassen sie meist die Finger, da diese Produkte in der Schweiz nicht teurer sind. Als Mittel gegen den Einkaufstourismus bringen die St.Galler Ökonomen eine Senkung der Mehrwertsteuer-Freigrenze ins Spiel.

Würde der Bund die Freigrenze für den Nettowarenwert von heute 300 auf 50 Franken senken, versprechen sich die Forscher davon bis zu einem Drittel weniger Einkaufstourismus.

Innerschweizer bestellen online im Ausland

Dass die Innerschweizer 2017 weniger oft zum grenzüberschreitenden Shoppingerlebnis aufbrachen als in den Jahren ­zuvor, ist für die Detaillisten ­dieser Region indes kein Grund zur Entwarnung.

Denn vor allem in der Innerschweiz ordern gemäss Erkenntnissen des St.Galler Forschungszentrums die Konsumenten deutlich mehr Ware bei ausländischen Onlineanbietern wie Amazon, Ebay oder Zalando als noch vor zwei oder drei Jahren.

Der Anteil von Amazon und Co. am gesamten Schweizer Onlinemarkt hat in den zurückliegenden drei Jahren von 30 auf 37 Prozent zugelegt. Besonders beliebt bei den Online-Shoppern sind Kleider und Sportartikel.


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