«Bei VW weht ein frischer Wind»

DEUTSCHLAND ⋅ Der Volkswagen-Konzern strebt die grösste Umstrukturierung seiner Geschichte an. Helmut Becker, Ex-BMW-Volkswirt, über die Gründe der Neuausrichtung und warum der Chef trotz guter Zahlen gehen musste.
14. April 2018, 00:00

Interview: Christoph Reichmuth, Berlin

Herr Becker, der Volkswagen-Konzern weist für 2017 ein Rekordergebnis aus und schmeisst kurze Zeit später Chef Matthias Müller raus. Wie ist das zu verstehen?

Matthias Müller wurde nach Auffliegen des Diesel-Skandals 2015 als Nachfolger des vormaligen Chefs Martin Winterkorn Hals über Kopf als integrer und loyaler Konzernsoldat an der Volkswagen-Spitze installiert. Er war von Anfang an nur eine Übergangslösung. Als ehemaliger Chef von Porsche brachte Müller die Voraussetzungen nicht mit, einen Weltkonzern mit zwölf Marken zu führen.

Die Zahlen sprechen aber für Matthias Müller.

Die Zahlen sind das Ergebnis strategischer Entscheide vor der Ära Müller. Der Chefposten bei Volkswagen war ein Schleudersitz in der Situation, in der sich VW seit Herbst 2015 befand. Müller ist für seinen damaligen Mut zu bewundern. Das war eine «Mission impossible».

Was ist von Nachfolger Herbert Diess zu erwarten?

Der vormalige Aufsichtsratschef Ferdinand Piëch holte den ehemaligen BMW-Mann Herbert Diess im Juli 2015 in der Absicht zu VW, dass dieser dereinst die Position von Martin Winterkorn an der Vorstandsspitze übernehmen soll. Diess konnte man nach Auffliegen der Diesel-Affäre im September 2015 nach nur drei Monaten bei VW aber nicht gleich auf den Vorstandsposten setzen. Also musste jemand anderes herhalten – das war dann Müller.

Dennoch: Warum wird der Konzern gerade jetzt neu aufgestellt?

Das können Sie bei Clausewitz nachlesen (Anmerkung: Carl Clausewitz war ein preussischer Militärwissenschafter). Wenn Sie zwei Fronten haben – eine nach draussen, eine nach drinnen –, dann müssen Sie einen Zwei-Fronten-Krieg verhindern. Also musste VW ein Problem nach dem anderen angehen, der Dringlichkeit nach. Und das war ohne Zweifel die Aussenfront. Diese Aussenfront war seit Herbst 2015 der Diesel-Skandal und die Probleme in den USA. Das Problem ist weitgehend aus- und durchgestanden, dank der Leistung von Milliardenzahlungen. Mit anderen Worten: Der Konzern hat die Probleme nach aussen hin so weit unter Kontrolle, dass man jetzt die innere Front angehen kann, für die Diess ja ursprünglich nach Willen des Patriarchen Ferdinand Piëch eingestellt worden war. Diese Front betrifft die Umstrukturierung, an der Herbert Diess seit drei Jahren im Stillen gearbeitet hat. Eine solche fundamentale Umstrukturierung, wie sie es bei Volkswagen noch nie gegeben hat, kommt ja nicht von heute auf morgen.

Die Rede ist von einem «Kulturwandel». Was ist darunter zu verstehen?

Kulturwandel heisst unter anderem, dass alte Seilschaften gesprengt sind und das Klima der Angst, der Unterdrückung des kritischen Mitdenkens und des Abnickens vorüber ist. Inzwischen weht bei VW ein frischer Wind. Der dominierende Einfluss der Gewerkschaften und Betriebsräte – der frühere KdF-Betrieb war seit seiner Gründung 1937 (Anmerkung: KdF war die Propaganda-Kurzformel «Kraft durch Freude» der Nazis) quasi ein Gewerkschaftsbetrieb – wurde zurückgebunden. Die vormals beinahe automatisierten Konflikte zwischen Betriebsrat und Un­ternehmensführung scheinen ausgestanden, alle Seiten ziehen – so scheint es jedenfalls – nun an einem Strang.

Das klingt theoretisch. Was heisst das für mich als Kunden, wenn ich mir einen VW zulegen möchte?

Sie werden sich einfach einreihen in die Liste der 10,3 Millionen VW-Kunden aus dem letzten Jahr. Pferdeäpfel schmecken prima, Millionen Fliegen können sich nicht irren. Mit anderen Worten: Sie befinden sich in guter Gesellschaft: Kaufen Sie mit Freude einen VW, 10,3 Millionen Menschen können nicht verrückt sein.

Von einem Diesel-Kauf sehe ich besser ab. Stichwort Dieselverbote in Innenstädten.

Sie sind auch einer von denen, die Ergebnisse vorwegnehmen und nach deren Folgen fragen, ohne dass die Ergebnisse eingetreten sind. Es gibt keine Dieselverbote in Innenstädten. Ausserdem können Sie heute einen neuen, extrem abgasarmen Diesel hochsubventioniert erwerben; das sind reine Schnäppchenkäufe für kluge Leute.

Aber diese Verbote drohen.

Ich habe mir vorgestern einen neuen Diesel gekauft. So viel zu Ihrer Frage.

Das ändert nichts an den drohenden Verboten. Läuft die Zeit des Diesels ab?

Es gibt kein besseres Antriebs­aggregat als einen modernen Euro-6d-Diesel. Der ist umweltfreundlicher als Elektroautos, wenn man in Betracht zieht, welche Unmengen an umweltschädlichen Stoffen mit hohem Energieaufwand zusammengebacken werden müssen, bis ein Elektrofahrzeug überhaupt mal fährt. Stichwort Batterien. Wir haben momentan exzellente und saubere Diesel, die sind nur noch nicht in dem Umfang auf der Strasse, wie es notwendig wäre, um die Stick­oxidbelastung in den Innenstädten zu senken. Das Problem ist der Altbestand. Wir haben 15 Millionen Diesel, davon sind etwa 10 Millionen alte Dreckschleudern. Die restlichen 5 Millionen können umgerüstet und modifiziert werden. Hinzu kommt eine Million moderne Euro-6d-Diesel, die absolut sauber sind. Je mehr Dreckschleudern stillgelegt werden – von mir aus mit Hilfe staatlicher Subventionen –, desto schneller kriegen wir die Innenstädte sauber.

Sollte die Nachrüstung der Dieselmotoren die Auto­mobilbranche übernehmen?

Schwierige Frage, weil der Gesetzgeber rückwirkend Gesetze ändert, die er vorher erlassen hat. Eigentlich wäre es Sache des Gesetzgebers, für Entschädigung der Autofahrer zu sorgen – die Autobranche sollte sich daran beteiligen, alleine des schlechten Gewissens wegen, das sie haben sollte. Wer Milliarden-Strafzahlungen an US-Dieselfahrer zahlt und hohe Gehälter an seine Vorstände, sollte auch bei seinen deutschen und Schweizer Kunden mehr Kulanz zeigen.

Ex-VW-Chef Müller wird seinen Rauswurf verkraften. Die Rede ist von einer Abfindung von 20 Millionen Euro plus eine Rente von – täglich – 2900 Euro. Sollten solche Gehälter nicht gedeckelt werden?

Der Aufsichtsrat entscheidet über Abfindungen und Gehälter, nicht die Politik und nicht die Öffentlichkeit. Die Politik deckelt das Gehalt von Fussball-Superstars wie Neymar oder von Pep Guardiola ja auch nicht. Eine Deckelung ist mit der Marktwirtschaft nicht systemkonform. Aber im Falle von Herrn Müller hätte ich vom Aufsichtsrat schon mehr Fingerspitzengefühl und politische Sensibilität erwartet. Ich finde dieses Verhalten unanständig, es hätte sicherlich eine elegantere Lösung gegeben, um Müller zu entschädigen.

Zur Person

Helmut Becker (74) war 1974 bis 1997 in leitender Funktion bei BMW tätig, unter anderem als Chefvolkswirt (1989 bis 1997). Heute berät er Banken und Dienstleister in seiner Funktion als Leiter des Instituts für Wirtschaftsanalysen und Kommunikation (IWK) in München.


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