Das Rückgrat des Internets

RECHENZENTREN ⋅ 70 Prozent des weltweiten Internetverkehrs wird über die Agglomeration der US-Hauptstadt abgewickelt – im Bezirk Loudoun County stehen mehr als 70 Rechenzentren, in denen Amazon, Google und Facebook ihre Server betreiben. Warum gerade dort?
14. August 2017, 00:00

Renzo Ruf, Dulles (Virginia)

Am AOL Way in der Nähe des internationalen Flughafens von Washington erinnert nur noch wenig daran, dass sich hier einst das Rückgrat des Internets befand. Im ehemaligen Hauptquartier von America Online (AOL), dem 1983 ins Leben gerufene Onlinedienst («You’ve got Mail!»), gingen noch vor 20 Jahren mehr als 4000 Angestellte ein und aus – dann platzte die Dotcom-Blase, und AOL suchte (zuerst unter der Ägide von Time Warner, dann ab 2009 als selbstständige Firma) recht verzweifelt nach einem ­neuen Geschäftsmodell.

Heute ist die Firma Teil des Telekom-Multis Verizon, nennt sich Oath und beschäftigt in Dulles nur noch einen Bruchteil der Zahl der früheren Angestellten.

Steuern und Strompreise sind tief

In den Augen von Buddy Rizer ist AOL dennoch eine Erfolgsgeschichte. Denn dank America Online sei im Norden von Washington eine Atmosphäre entstanden, in der sich Technologiefirmen wohlfühlten, sagt er. Und dies zahle sich nun aus. Rizer ist seit 2013 der Wirtschaftsförderer des Verwaltungsbezirkes Loudoun County im Bundesstaat Virginia, zu dem auch Dulles gehört. Und spätestens unter seiner Ägide hat sich Loudoun zu einem der führenden Standorte für Datenzen­tren in den USA entwickelt. Mehr als 70 dieser digitalen Lagerhäuser, die Tausende von gekühlten Computerservern von über 3000 Unternehmen wie Amazon, Mi­crosoft, Google und Facebook beheimaten, haben sich mittlerweile in dem Bezirk in der Agglomeration der Hauptstadt Washington angesiedelt. Und nach Angaben der Wirtschaftsförderung werden rund 70 Prozent des weltweiten Internetverkehrs täglich über Server abgewickelt, die sich in Loudoun County befinden – ohne dass die meisten Konsumenten dies bemerkten. Rizer zeigt sich im Gespräch stolz über die führende Stellung, die Loudoun County in der Wachstums­branche Informationstechnologie spielt; gleichzeitig räumt er aber lachend ein, dass auch er persönlich von dieser Erfolgsgeschichte überrascht worden sei. Denn Loudoun verzichtet im Gegensatz zu anderen Bezirken in den USA darauf, ansiedlungswillige Datenzentren mittels finanzieller Anreize anzulocken. Warum also zieht es die Serverfarmen in die Nähe des Flughafens Dulles International? Rizer zählt eine Reihe von Gründen auf: das hohe Bildungsniveau der rund 3 Millionen Menschen, die in «Northern Virginia» wohnen – demjenigen Teil der ­Agglomeration von Washington, der zum Bundesstaat Virginia ­gehört; die tiefen Steuerraten; ­­ die niedrigen Strompreise und schliesslich auch die Nähe zur Bundesregierung und ihren Kunden, gerade im militärisch-industriellen Komplex. Diese Vorteile überwiegen auch die Nachteile des Standortes, wie Rizer sagt, zum Beispiel die hohen Lebenshaltungskosten in der Agglomeration der Hauptstadt.

Natürlich zahlt sich der Boom der Rechenzentren für Loudoun County aus. Auf gegen 180 Millionen Dollar schätzt Rizer die jährlichen Steuereinnahmen des Bezirkes, vornehmlich durch die Erhebung von Liegenschaftssteuern. Damit kommen die Datenzentren für rund 15 Prozent sämtlicher Steuereinnahmen von Loudoun County auf.

Grosses Wachstumspotenzial

Im Gegensatz zu einem herkömmlichen Industriebetrieb verursachten Datenzentren fast keinen Verkehr in den Gewerbezonen, sagt Rizer; davon profitierten die staugeplagten Agglomerationsbewohner. Grundsätzlich gebe es deshalb kaum Vorbehalte gegen die Ansiedlung von Rechenzentren in Loudoun, sagt der Wirtschaftsförderer – obwohl er natürlich immer wieder ästhetisch und energiepolitisch motivierte Kritik zu hören bekomme. Rizer macht aber deutlich, dass er die Vorbehalte nicht teilt. «Benötigen Datenzentren viel Energie? Selbstverständlich. Verschwenden sie aber Energie? Nein, überhaupt nicht.» Moderne IT-Warenhäuser seien nach modernsten Vorschriften gebaut, und weil der (bisweilen horrende) Stromverbrauch der grösste Ausgabenposten sei, versuchten die Betreiber der Datenzentren mit allen Mitteln, die Gebäude möglichst energieeffizient zu erstellen. Ein einzelnes Rechenzentrum soll pro Jahr etwa gleich viel Energie verbrauchen wie 5000 Privathaushalte, sagt der lokale Stromversorger Dominion Energy.

Der Boom der Datenzentren in Loudoun ist auch den Nachbarn nicht entgangen. Fairfax County ist Standort von gegen 45 Datenzentren. Wirtschaftsförderer Gerald Gordon betont, dass sein Bezirk bei der Ansiedlung neuer Betriebe «andere Akzente» als Loudoun setze – die Datenzentren sich aber dennoch in Fairfax County niederliessen, auch weil sein Bezirk einer der sichersten im ganzen Land sei. In Prince William County wiederum sind derzeit 31 Serverfarmen ange­siedelt. Tendenz steigend: «Das Wachstumspotenzial dieser Branche ist gross», sagt Wirtschaftsförderer Jeffrey Kaczmarek.


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