Der Möchtegern-Milliardär

USA ⋅ Der Handelsminister Wilbur Ross soll falsche Angaben über seine Vermögenswerte gemacht haben. Dies behauptet ausgerechnet die Zeitschrift «Forbes», die Ross zuvor zu den reichsten Amerikanern zählte.
10. November 2017, 00:00

Renzo Ruf, Washington

Es war eine harte Woche für Wilbur Ross. Zuerst musste sich der amerikanische Handelsminister mit Enthüllungen herumschlagen, wonach er – indirekt – Geschäftsbeziehungen mit Russen getätigt habe, deren Namen sich auf den Sanktionslisten des Finanzministeriums in Washington befinden. Dann, und vielleicht noch wichtiger, gab die Wirtschaftszeitschrift «Forbes» bekannt, dass die Redaktion von Ross jahrelang angelogen worden sei. Denn der 79-Jährige habe fälschlicherweise behauptet, er sei ein Milliardär. Gemäss einer offiziellen Vermögensdeklaration, die er einer Amtsstelle der Bundesregierung vorlegen musste, besitze Ross aber weniger als 700 Millionen Dollar.

Die Kontroverse gibt einen seltenen Einblick in den Prozess, an dessen Ende eine der exklusivsten Listen Amerikas herauskommt – «Forbes 400», die seit 1982 publizierte Zusammenstellung der 400 wohlhabendsten Amerikaner. Ross’ Name befindet sich seit 2004 auf der Rangliste, an dessen Spitze dieses Jahr Bill Gates (89 Milliarden Dollar), Amazon-Chef Jeff Bezos (81,5 Milliarden Dollar) und Warren Buffett (78 Milliarden Dollar) ­stehen. Im Vergleich dazu ist Ross ein kleiner Fisch, mit zuletzt 2,9 Milliarden Dollar. So ist es in der «Forbes»-Rangliste des vergangenen Jahres nachzulesen.

Berechnungsfehler nicht korrigiert

Diese Zahl beruhte aber auf Berechnungsfehlern und Lügen, wie die Zeitschrift nun in einem längeren Artikel einräumt. Das kam so: Ross machte sich 2002 einen Namen, als er den bankrotten Stahlproduzenten LTV aufkaufte, die International Steel Group gründete und diese an die Börse brachte. Ross hatte Glück: einige Tage, nachdem er seine Wette auf amerikanischen Stahl abgeschlossen hatte, verhängte der damalige Präsident George W. Bush einen Strafzoll auf Stahlimporten. Die International Steel Group war deshalb nach dem Börsengang plötzlich 1 Milliarde Dollar wert – und Ross ein Kandidat für die «Forbes 400». «Ich habe gerade mit Ross gesprochen», schrieb ein Redaktor der Zeitschrift im Jahr 2004. Der Investor sei ein sehr bescheidener Mensch, und er habe gesagt, er wolle nicht wirklich auf der Liste verzeichnet sein. «Er sagte, er wolle seine Zahlen nicht künstlich aufblähen.»

Daraufhin verkündete ihm der «Forbes»-Mitarbeiter, dass die Zeitschrift sein Vermögen auf 1 Milliarde Dollar schätzen werde. Und Ross sagte angeblich: «Gut, danke schön.» Die Zahl war falsch. In Tat und Wahrheit betrug das Vermögen des heutigen Handelsministers zum selben Zeitpunkt nur rund 250 Millionen Dollar. Der Denkfehler des «Forbes»-Redaktors: Er war der Meinung, Ross sei Haupt­investor der International Steel Group. Tatsächlich stammte das Geld für den Kauf des Stahlproduzenten aus den Taschen des echten indischen Milliardärs Lakshmi Mittal. Ross habe nie versucht, diesen Fehler zu korrigieren, obwohl seinem Umfeld die Wahrheit bekannt war, heisst es im «Forbes»-Artikel. Der Investor profitierte demnach von der Legende, dass er ein Goldhändchen besitze. Als die Zeitschrift im Jahr 2005 eine aktualisierte Version von «Forbes 400» publizierte, war Ross nun plötzlich 1,7 Milliarden Dollar schwer. Und so ging es munter weiter. «Forbes» dokumentiert zahlreiche E-Mails aus der Feder Ross, in denen er Kritik an der Arbeit der Vermögensschätzer übte. So schrieb er 2014: «3,1 ist niedrig, aber ich verstehe, warum Sie konservativ sein wollen.»

Auf die angebliche Diskrepanz zwischen der offiziellen Vermögensdeklaration, die 57 Seiten umfasst, und seinen Behauptungen angesprochen, sprach Ross im Kontakt mit «Forbes» über einen neugegründeten Trust. Nach der Wahl von Donald Trump, aber vor seinem Amtsantritt am 28. Februar 2017 habe er 2 Milliarden Dollar in dieses Vehikel transferiert, zu Gunsten seiner Kinder. Ross stellt sich auf den Standpunkt, gemäss den Spielregeln der Bundesregierung habe er diesen Trust nicht deklarieren müssen. Als «Forbes» ihn nach Dokumenten fragte, um die Existenz des Trusts zu beweisen, weigerte sich der Handelsminister aber, mit Verweis auf den Schutz der Privatsphäre. In der neusten Ausgabe der Zeitschrift heisst es deshalb: «Das Geld existierte nie.»

Das Handelsministerium weigerte sich, den Artikel zu kommentieren. Ross ist übrigens im Kabinett Trump in guter Gesellschaft. Der Präsident höchstpersönlich beklagt sich Jahr für Jahr darüber, dass seine Vermögenswerte auf der «Forbes»-Liste zu konservativ eingeschätzt würden. In der aktuellen Ausgabe wird sein Vermögen auf 3,1 Milliarden Dollar beziffert, obwohl Trump im Wahlkampf des vergangenen Jahres doch behauptete, er besitze mehr als 10 Milliarden Dollar.


Leserkommentare

Anzeige: