Aussichten

Die Anlage-Ernte ins Trockene bringen

17. Juni 2017, 00:00

Wer sein Vermögen zu Jahresbeginn vernünftig breit angelegt hat, verfügt inzwischen je nach Risikoneigung zwischen 6 und 12 Prozent mehr – und das nach nur einem halben Jahr. Manch einer reibt sich die Augen, weil er sich im Nachhinein insgeheim darüber ärgert, Anfang Jahr nicht doch eine risikofreudigere Strategie gewählt zu haben.

Am Stammtisch erzählt man sich nicht die Geschichten, was sich bescheiden entwickelt hat. Vielmehr werden die vermeintlich heissen Tipps ausgetauscht. In der Tat gab es bei einzelnen Unternehmen auch aus der Region eine äusserst erfreuliche Aktienkursentwicklung. Die Schindler-Aktien liegen nach wenigen Monaten rund 13 Prozent im Plus, Calida rund 15 Prozent, Sika gar um 28Prozent und jene von Bossard und Also Holding um je knapp 40 Prozent. Hinzu kommen noch teils üppige Dividenden. Aber werden nun so viel mehr Rolltreppen und Lifte benötigt, Unterwäsche verkauft, Zementschichten verfestigt, Schrauben geordert und Computerservices beansprucht?

Mitnichten. Mit Umsatzsteigerungen lassen sich die Kursentwicklungen kaum erklären. Bei international tätigen Unternehmen kann es auch nicht der US-Dollar sein, der seit Jahresbeginn schon 5Prozent verloren hat. Bei einigen Unternehmen kommt aber eine Reihe von Faktoren zusammen, welche die positive Entwicklung auf freie Cash-Flows und Gewinne unter­mauern.

Ein interessantes Beispiel dafür ist der Flughafen Zürich. Das Total der Flugbewegungen hat sich in den ersten fünf Monaten lediglich um 1,4 Prozent gegenüber dem Vorjahr erhöht. Aufgrund der verbesserten Konjunktur haben allerdings die Passagierzahlen um satte 8,1 Prozent zugenommen. Die Konsumentenstimmung («man gönnt sich wieder mehr») hat sich zudem in höhe­rem Umsatz (zollfreie Güter, Souvenirs, Restaurants usw.) niedergeschlagen und das Ergebnis überproportional verbessert. Am Flugbetrieb wird kaum verdient, sondern an allem rundherum, inklusive dem Vermieten von umsatzbezogenen Verkaufs-, Büro- und Parkflächen. Das Geschäft läuft wie geschmiert, und der Aktienkurs liegt rund 25 Prozent höher als zu Jahresbeginn.

Die grösste Immobiliengesellschaft der Schweiz wird inzwischen mit dem 29-fachen Jahresgewinn bewertet: 7,2 Milliarden Franken. Das ist viel, und zugleich wenig, wenn man alle positiven Zukunftserwartungen und Zukunftshoffnungen in den gegenwärtigen Aktienkurs verdichtet.

Wird das noch ewig so weitergehen? Die Chancen stehen insbesondere für europäische Unternehmen weiterhin gut. Dank dem neuen französischen Präsidenten Emmanuel Macron vollzieht sich in der zweitgrössten Volkswirtschaft der Eurozone eine bedeutsame Verbesserung der wirtschaft­lichen Rahmenbedingungen. Das wird auch Spanien und Italien ermutigen, mit ihren Reformen weiterzumachen, derweil Deutschland sichtbar an Wettbewerbsfähigkeit einbüsst und die Reformernte von Schröders Agenda 2010 verfrühstückt.

Aber die Aktienkurse werden gewiss nicht in den Himmel wachsen. Noch muss kein Erdbeben befürchtet werden, aber die seismologische Überwachung von Vorbeben zählt zum weitsichtigen Risikomanagement. Vor wenigen Tagen haben die Aktien des iPhone-Herstellers Apple rund 7 Prozent eingebüsst; auch andere Technologietitel waren davon betroffen. Die Erschütterungen waren bis in die Schweiz zu spüren, wo Aktien wie Logitech gleich massenweise verkauft wurden.

Rational beruhigend wurde dies mit «gesunden Gewinnmitnahmen» begründet. Die Börsenparty soll ja nicht gestört werden. Doch die Erschütterungen müssen wir ernst nehmen. An realisierten Gewinnen ist noch kein Anleger zugrunde gegangen. Womit wir bei einem wichtigen Anlagegrundsatz angelangt sind: Handeln Sie rational, objektiv und leidenschaftslos.

Das Kernproblem ist, dass wir alle reichlich Daten über die Gegenwart haben, aber keinerlei gesicherte Informationen über die Zukunft. Also wäre es vielleicht an der Zeit, zumindest einen Teil der grandiosen Halbjahres-Performance ins Trockene zu bringen und in aller Ruhe schöne Sommertage zu geniessen.

Hinweis

Maurice Pedergnana (52) ist Professor für Banking und Finance an der Hochschule Luzern – Wirtschaft und am Institut für Finanzdienstleis­tungen Zug (IFZ).

Maurice Pedergnana

wirtschaft@luzernerzeitung.ch


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