Die griechischen Verlierer

ATHEN ⋅ Griechenland hat es einmal mehr geschafft und sich neue Gelder aus Brüssel gesichert. Im Volk des Mittelmeerlandes steigt trotzdem die Wut. Auf dem Syntagmaplatz kam es erneut zu Kundgebungen.
17. Juni 2017, 00:00

Während der griechische Finanzminister Euklid Tsakalotos vorgestern in Luxemburg vor dem Treffen der Eurogruppe Kompromissformeln im Schuldenstreit sondierte, versammelten sich mehrere tausend Menschen auf dem Syntagmaplatz in Athen. Rentnerinnen und Rentner, aber auch viele Arbeitslose füllten den Platz vor dem Parlamentsgebäude. Vasiliki Papadopoulou und Agni Georgopoulou sind an diesem Vormittag mit dem Überlandbus aus dem 160 Kilometer entfernten Tripoli auf der Halbinsel Peleponnes nach Athen gekommen. Die beiden Rentnerinnen halten ein selbstgemaltes Plakat in die Höhe: «Hände weg von unseren Renten» steht in grossen roten Buchstaben darauf.

Noch hat die Sitzung der Euro-Finanzminister gar nicht begonnen, aber Vasiliki Papadopoulou weiss, was dabei herauskommen wird: «Wir sind die Verlierer, wie immer», sagt die 72-Jährige. Vor sieben Jahren ging die Gymnasiallehrerin in Pension. Knapp 1400 Euro Rente bekam sie damals. «Fünf Mal hat man mir die Bezüge seither gekürzt», klagt die Frau, «heute bekomme ich 960 Euro.» Nach Abzug der Steuern und der Ausgaben für Miete, Strom und Telefon bleiben der ehemaligen Lehrerin gerade mal 450 Euro im Monat.

Ihre 73-jährige Freundin Agni, eine Frühere Bankangestellte, bekam anfangs 2100 Euro Rente. Inzwischen hat sich ihr Ruhegeld auf 1080 Euro fast halbiert. Die Zusatzrente, für die sie 35 Jahre lang freiwillig Beiträge eingezahlt hat, sei sogar von 380 auf 130 Euro gekürzt worden, berichtet die Rentnerin. «Sie haben unser Geld gestohlen!» Sie, damit meint die Frau die Regierung von Alexis Tsipras. Vor seiner Wahl hatte der Linkspopulist versprochen, es werde «keine weiteren Rentenkürzungen» geben.

Jetzt kommen auf Millionen griechische Rentner neue Opfer zu. Um den Weg zu einer Einigung mit den Geldgebern zu ebnen, hatte Tsipras vor einer Woche im Eilverfahren binnen weniger Stunden ein weiteres Sparpaket durchs Parlament gepeitscht. Danach bleiben die bis 2021 gedeckelten Renten nun auch 2022 eingefroren. Bereits drei Wochen zuvor hatte das Parlament Rentenkürzungen beschlossen, die ab 2019 greifen sollen.

Mehrere Rentenkürzungen und Beitragserhöhungen

Dabei leben schon jetzt viele alte Menschen an der Armutsgrenze. Von den knapp 2,9 Millionen griechischen Rentnern beziehen drei Viertel weniger als 1000 Euro im Monat. 1,2 Millionen müssen mit Netto-Bezügen von weniger als 500 Euro monatlich auskommen. Der Interessenverband «Netzwerk Vereinigte Rentner» hat seit Beginn des Sparkurses im Frühjahr 2010 bereits 22 Rentenkürzungen und Beitragserhöhungen dokumentiert. Mit den jetzt beschlossenen Massnahmen sind es 23. Neben den beschnittenen Bezügen zehren auch höhere Verbrauchs- und Einkommensteuern an der Kaufkraft der Rentner. «Uns bleibt immer weniger zum Leben», klagt einer der Demonstranten auf dem Syntagmaplatz. Mit seiner Rente von 845 Euro muss der 66-Jährige nicht nur den eigenen Lebensunterhalt bestreiten, sondern auch Sohn und Schwiegertochter durchbringen, die seit drei Jahren arbeitslos sind. Arbeitslosengeld wird in Griechenland maximal ein Jahr gezahlt, eine Grundsicherung wie Hartz IV gibt es nicht. Viele Langzeitarbeitslose leben von den Renten ihrer Eltern. Trotz der tiefen Einschnitte bei den Bezügen, höheren Beiträgen und der Anhebung des Renteneintrittsalters auf 67 Jahre wird das griechische Rentensystem auf absehbare Zukunft defizitär bleiben. Das liegt an der hohen Arbeitslosenquote von aktuell knapp 23 Prozent und an der ungünstigen Bevölkerungsentwicklung. Während der Krise ging die Geburtenrate um 10 Prozent zurück. Der Anteil der über 65-Jährigen wird von jetzt 21 Prozent der Bevölkerung bis 2050 auf knapp 34 Prozent steigen – verglichen mit projizierten 26 Prozent im EU-Durchschnitt. Das wird Vasiliki Papadopoulou zwar nicht mehr erleben. Aber für sie ist die Gegenwart schon schwer genug. Sie hat ausgerechnet, dass mit der nächsten Sparrunde ab 2019 ihre Rente von 960 auf 870 Euro fallen wird. «So hatte ich mir mein Alter nicht vorgestellt», sagt sie verbittert.

Gerd Höhler, Athen

wirtschaft@luzernerzeitung.ch

«Sie haben unser Geld gestohlen.»

Agni Georgopoulou

Die 73-jährige beklagt die Rentenkürzungen durch die Regierung von Alex Tsipras.


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