«Die Insolvenz ist kein Thema»

LUFTFAHRT ⋅ Noch vor wenigen Tagen lotete Air Berlin die Möglichkeit nach staatlicher Hilfe aus, nun werden Gerüchte über eine baldige Pleite zerstreut. Air Berlin will 2018 aus der Verlustzone fliegen.
16. Juni 2017, 00:00

Deutschlands zweitgrösste Fluggesellschaft hat turbulente Zeiten hinter sich. Verspätungen, Flugausfälle, verärgerte Kundschaft – auch in der Schweiz; Gerüchte über eine baldige Insolvenz oder den Verkauf der Hauptstadt-Airline machten zuletzt die Runde. Bei der Aktionärs-Hauptversammlung am Mittwoch in London – Air Berlin firmiert juristisch als britisches Unternehmen – wurden sämtliche Szenarien, die das Ende der Air Berlin voraussagen, zurückgewiesen. «Eine Insolvenz ist kein Thema für uns», betonte die Chefetage vor den Aktionären.

Unternehmenschef Thomas Winkelmann versicherte, die Probleme der letzten Zeit gehörten endgültig der Vergangenheit an: «Air Berlin ist wieder eine sichere, pünktliche und zuverlässige Fluggesellschaft.» Die Pünktlichkeit liege seit Anfang Juni bei 80 Prozent, das Unternehmen wolle im nächsten Jahr die Verlustzone verlassen.

780 Millionen Euro Verlust

Air Berlin war in London darum bemüht, der bei Anlegern, Kunden und Angestellten zuletzt aufgekommenen Nervosität entgegenzuwirken. Doch auch nach der Hauptversammlung sind die Bedenken nicht verflogen. Die Airline schreibt – mit Ausnahme des Jahres 2012 – jährlich hohe Verluste, allein 2016 belief sich dieser auf mehr als 780 Millionen Euro, gesamthaft hat das Unternehmen weit über eine Milliarde Euro Schulden. Ohne die Finanzspritzen des arabischen Gross­aktionärs Etihad wäre die Airline mit ihren etwa 8000 Mitarbeitern längst verkauft oder pleite. Vor allem aber die letzte Woche publik gewordene Anfrage von Air Berlin bei den Landesregierungen von Nordrhein-Westfalen und Berlin auf Prüfung eines Bürgschaftsantrages nährte Gerüchte, wonach Air Berlin in den letzten Zügen liege.

Airline-Chef Winkelmann betonte nun in London, die Fluglinie wolle mit diesem Schritt lediglich prüfen, ob die Landesregierungen grundsätzlich gewillt seien, der Airline Kreditsicherheit durch Bürgschaft zu gewähren. Die Anfrage stehe nicht im Zusammenhang mit einer drohenden Pleite, die Liquiditätslage sei gesichert. «Wir wollen keine Steuergelder, wir wollen nicht verstaatlicht werden», so der CEO.

Kommt Lufthansa zum Zug?

Obschon die Airline laut dem Management dank der bis Oktober 2018 gewährten Unterstützung von Grossaktionär Etihad gesichert in die mittelfristige Zukunft gehen könne, bleibt offen, ob der Name Air Berlin bestehen bleiben wird. Etihad hat sich von der Partnerschaft mit Air Berlin mehr erhofft, sie muss die Hauptstadt-Airline mit jährlichen Finanzspritzen in der Luft halten. Was nach Oktober 2018 sein wird, ist daher unklar, ein Verkauf der Air Berlin gilt laut Experten als wahrscheinlich. Zum Zug kommt möglicherweise die Lufthansa. Lufthansa-Chef Carsten Spohr hat das Interesse an einer Übernahme von Air Berlin bereits im Mai geäussert. Erst aber müsse, so Spohr, Etihad die Schulden der Air Berlin tilgen.

Das Interesse von Lufthansa macht für Experten Sinn. Durch eine Übernahme könnte Lufthansa die Air-Berlin-Flotte in die eigene Billigfluglinie Eurowings integrieren. Lufthansa behielte attraktive Landerechte von Air Berlin und könnte sich so gegen Billigflieger-Konkurrenten wie Ryanair oder Easyjet wappnen.

Etihad wollte Air Berlin vor allem als Zubringer für die eigene Airline nutzen, um Kunden aus Europa vom arabischen in den asiatischen Raum und nach Australien weiterbefördern zu können. Die Ursache für die heutigen Probleme sieht der Hamburger Luftfahrtexperte Cord Schellenberg in einer in früheren Jahren falsch festgelegten Strategie der Air Berlin. Die Airline habe sowohl im Langstreckensegment als auch bei den Billigfliegern mitmischen wollen. Diese Doppelstrategie, verbunden mit einem Expansionskurs, habe «die Airline zerrieben», so Schellenberg.

Christoph Reichmuth, Berlin

christoph.reichmuth@luzernerzeitung.ch


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