Die Kleinen hat man einfach lieber

GELD ⋅ Die Geschichte der neuen Zehnernote geht auf eine Zeit zurück, in der der Fünfliber noch eine Silbermünze war, für die man beim Bijoutier mehr bekam als beim Lebensmittelhändler.
12. Oktober 2017, 00:00

Daniel Zulauf

Die einen finden sie schick, die anderen hässlich, doch akzeptiert werden die Scheine überall. Nach dem Fünfziger und dem Zwanziger kommt in der kommenden Woche die dritte Vertreterin der neuen, neunten Banknotenserie in Umlauf: die Zehnernote (siehe Bild). Es ist die kleinste Note, die es in der über 100-jährigen Geschichte des Schweizer Papiergeldes je gegeben hat – und jene, die am meisten zirkuliert. Just aus diesem Grund «erfand» die Nationalbank einst auch den Fünffrankenschein.

Im Jahr 1913, unmittelbar vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges, liess das Noteninstitut vorsorglich Fünfer- und Zwanzigerscheine drucken – in Erwartung, dass ein Krieg die Nachfrage nach Bargeld sprunghaft ansteigen lassen könnte. Bis dahin war das Papier mit der kleinsten Denomination aus der ersten Banknotenserie von 1911 der Fünfziger. Nach Ausbruch des Krieges im Juli 1914 trat ein, was die Frankenhüter wohlweislich vorweggenommen hatten: Bargeld wurde zum Objekt der Begierde. Die Nationalbank gab die neu gedruckten Noten aus, und insbesondere der Fünfer stiess auf eine kräftige Nachfrage. Im Zuge der schnell aufkeimenden Inflationsängste hatte der Silberpreis stark an Wert zugelegt, und weil die damaligen Fünfliber 40 Prozent Silber enthielten, überstieg der Materialwert der Münzen bald einmal ihren Nominalwert.

Notenumlauf in Edelmetall gedeckt

Doch so schnell, wie die Silbermünzen aus dem Zahlungsverkehr verschwanden, kamen die neuen, kleinen Banknoten nicht hinterher. Die Schweizerische Nationalbank zögerte mit deren Ausgabe, weil sie mit ihrer sogenannten Emissionsreserve sparsam umgehen wollte. Das war die Zeit, in der das damals noch junge Nationalbankgesetz eine Mindestdeckung des Notenumlaufs in Edel­metall von 40 Prozent vorschrieb. Vor Kriegsausbruch verfügte die Nationalbank über einen Metalldeckungsgrad von über 70 Prozent. Wer will es ihr verübeln, dass sie im Angesicht des Krieges das Pulver nicht sofort verschiessen wollte. Dennoch liess sie die Notenbankgeldmenge im ersten Kriegsjahr um 50 Prozent ansteigen. Während sich Noten- und Münzumlauf im Jahr 1913 noch einigermassen die Waage gehalten hatten, betrug das Verhältnis sieben Jahre später bereits drei zu eins zu Gunsten der Banknoten. Heute beträgt das Verhältnis 96 Prozent zu 4 Prozent zu Gunsten der Noten.

Die Inflation liess nicht auf sich warten. Sie erreichte bald 13 Prozent (1915) und schnellte bis Kriegsende auf 25 Prozent empor. Dafür sei die Geldpolitik sicher «in hohem Mass mitverantwortlich» gewesen, schreibt der emeritierte Wirtschaftsprofessor und Geldtheoretiker Ernst Baltensperger in seiner Geschichte des Frankens («Der Schweizer Franken – eine Erfolgsgeschichte», NZZ Libro, 2012). Obschon auch die kriegsbedingte Verknappung des Güterangebotes einen wichtigen Anteil an der Teuerung gehabt haben dürfte.

Gründe gegen eine Fünffrankennote

Doch zurück zu den kleinen Noten: Deren zögerliche Einführung hatte im Jahr 1914 zu einer Zahlungskrise geführt und die Nationalbank zum ersten Mal in ihrer erst siebenjährigen Geschichte einer starken öffentlichen Kritik ausgesetzt. Die Nationalbank habe die steigende Nachfrage nach Banknoten als «irrationale Reaktion der Wirtschaftsteilnehmer» aufgefasst und versucht, den Anstieg des Notenumlaufs zu verhindern, schreibt Baltensperger. Insofern habe sie effektiv zur Verschärfung der Zahlungskrise beigetragen.

Die rund 75 Millionen im Umlauf befindlichen Zehnernoten bilden nur einen kleinen Teil der Notenbankgeldmenge, aber kein anderer Schein wird intensiver benutzt als der kleinste. Heute wie damals ist Bargeld hoch im Kurs. Doch der Zehner wird wohl noch lang der kleinste Geldschein im Frankenuniversum bleiben. Pläne für eine Neulancierung der Fünffrankennote gibt es bei der Schweizerischen Nationalbank jedenfalls keine. Zwei Gründe sprechen dagegen: Erstens wäre ein Fünffrankenschein zu den für die derzeitige Notenserie geltenden Gestehungskosten von 40 Rappen pro Stück mit einer Lebensdauer von 12 bis 24 Monaten ein reichlich teures Papier. Und zweitens dürfte der Bund wenig Interesse daran haben, sein Prägungsmonopol für Geldmünzen ebenfalls an die Nationalbank abzutreten, zumal es in diesem «Geschäft» auch gutes Geld zu verdienen gibt.


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