Die Sorgen der Glückseligen

BAROMETER ⋅ Obwohl sich das hiesige wirtschaftliche und gesellschaftliche Umfeld in den letzten Jahrzehnten radikal gewandelt hat, haben sich die Sorgen der Schweizer in dieser Zeit kaum verändert. Warum eigentlich?
06. Dezember 2017, 00:00

Daniel Zulauf

Altersvorsorge, Arbeitslosigkeit und Ausländer stehen im Sorgenbarometer der Credit Suisse auch heuer zuoberst. Das Bild hat sich seit der ersten jährlichen Bevölkerungsbefragung im Jahr 1976 kaum verändert. Das erstaunliche an dieser Kontinuität ist der Umstand, dass sich das wirtschaftliche und gesellschaftliche Umfeld seit jenen Tagen ziemlich radikal gewandelt hat.

Obwohl in der Schweiz der 70er-Jahre noch weitgehend Vollbeschäftigung herrschte, nahmen 75 Prozent den Arbeitsmarkt schon damals als grösstes Problemfeld wahr. Auch die Altersvorsorge gehörte mit 64 Prozent bereits zu den meistgenannten Sorgen der Schweizer Bevölkerung, obschon die letzten Vertreter der Generation der Babyboomer in jenen Zeiten gerade mal das Primarschulalter erreicht hatten und das Damoklesschwert der Überalterung in den Statistiken noch kaum zu sehen war.

Auch die Angst vor der «Überfremdung», wie der Politiker James Schwarzenbach seine unvergessen radikale Volksinitiative zur Beschränkung der Zuwanderung im Jahr 1970 begründete, liess die Schweizer und die soeben erst zu nationalen Urnengängen zugelassenen Schweizerinnen (1971) nicht mehr los. Ungeachtet der Tatsache, dass sich die Zuwanderungskurve nach dem starken Anstieg zwischen 1950 bis 1970 deutlich verflacht hat und seither im Vergleich nur noch mässig gestiegen ist.

Hauptsorgen heute viel breiter gestreut

Ein wesentlicher Unterschied lässt sich zwischen den Befragungsergebnissen von damals und heute aber dennoch feststellen. Teilten vor 41 Jahren zwei Drittel oder gar drei Viertel der ganzen Bevölkerung die gleichen Hauptsorgen, sind diese heutzutage viel breiter gestreut. AHV und Alterssicherungen sind das klare Topthema für die Pensionierten mit Einkommen unter 3000 Franken (66 Prozent). Diese Bevölkerungsgruppe ängstigt sich naturgemäss am meisten vor einem möglichen Leistungsabbau, weil sie keine Möglichkeit mehr haben, diesen aus eigener Kraft zu kompensieren.

Umgekehrt sieht von den Befragten mit über 5000 Franken Einkommen nur noch eine Minderheit (40 Prozent) die Altersvorsorge als eines der fünf grössten Probleme an. Auch die Furcht vor der Arbeitslosigkeit dürfte in der Bevölkerung deutlich ungleicher verteilt sein wie vor 40 Jahren. Eine aktuelle Untersuchung der beiden Soziologen Daniel Oesch (Universität Lausanne) und Emily Murphy (Universität Oxford) weist nach, dass sich die Berufsstruktur in der Schweiz in den vergangenen 40 Jahren stark verändert hat – im positiven Sinn. So seien hierzulande, etwa im Gegensatz zu den USA, viel mehr gut bezahlte Stellen als Billigjobs geschaffen worden. Der technologische Wandel habe die Mittelklasse – im Gegensatz zu der weitverbreiteten Meinung – nicht erodieren lassen, sondern bloss die Ränge der Industriearbeiter und Bürohilfskräfte ausgedünnt. Diese «Arbeiterklasse», die sich vor dem Hintergrund der bereits mit voller Wucht angerollten Digitalisierungswelle vermutlich am meisten um die Sicherheit ihrer Arbeitsplätze Sorgen macht, ist also kleiner geworden.

Vielleicht ist das eine Erklärung dafür, weshalb bei den Schweizerinnen und Schweizern so wichtige und breit diskutierte und wichtige Themen wie die Globalisierung oder die Zukunft der Arbeit in einer digitalisierten Welt erst auf den Plätzen 26 und 27 der Sorgenliste zu finden sind. Gemäss dem Sorgenbarometer fühlen sich die Schweizerinnen und Schweizer in ihren Arbeitsstellen so sicher wie noch nie.

Kernenergie kehrt in Top Ten zurück

Zurück auf der Agenda der zehn drängendsten Probleme in der Schweiz ist der Umweltschutz. Das Thema war von 1976 bis 1991 von höchster Priorität und führte in den 1980er-Jahren zur Gründung diverser politischer Parteien. Doch vor zehn Jahren setzten es nur noch 7 Prozent der Befragten in die Top Ten ihrer Sorgenliste. Mit Fukushima (2011) und der intensivierten Debatte über die Klimaerwärmung hat sich das Blatt gewendet. Umweltschutz ist heuer für 16 Prozent der Befragten ein Top-Thema, und auch die Kernenergie ist als eigenständige Sorge mit einer gleich hohen Zustimmungsrate in die Top Ten zurückgekehrt.

Nimmt man die zunehmenden Sorgen um das stark wachsende Verkehrsaufkommen hinzu, erreicht der weit gefasste Bereich Umwelt schon heute einen Spitzenwert von 51 Prozent. Die Schweizerinnen und Schweizer lassen sich ihre Stimmung trotz Sorgen aber offenbar nicht verderben. Das Land gehört gemäss OECD-Statistik schon heute zu den weltweit fünf Ländern mit der zufriedensten Bevölkerung. Und wenn die Meinungsforscher der Credit Suisse richtig gerechnet haben, könnte die Schweiz im nächsten weltweiten Zufriedenheitsvergleich sogar die Gold­medaille erringen.


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