Erster Preisanstieg seit 2011

INFLATION ⋅ 2017 hat der Teuerungsindex um 0,5 Prozent angezogen. Drei Jahre nach dem Frankenschock mehren sich die Anzeichen der Normalisierung.
09. Januar 2018, 00:00

Daniel Zulauf

In der Schweiz sind die Preise im vergangenen Jahr im Durchschnitt um 0,5 Prozent gestiegen. Damit hat das Bundesamt für Statistik gestern zum ersten Mal seit sechs Jahren eine positive Jahresteuerung vermeldet. Im Zehnjahresvergleich, der die gesamte Zeit der internationalen Finanzkrise einschliesst, ist der Teuerungsindex um 0,4 Prozent gesunken.

Den grössten Preisrutsch erlebte die Schweiz vor drei Jahren, nachdem die Schweizerische Nationalbank (SNB) am 15. Januar 2015 ihre Politik überraschend geändert und eine schockartige Aufwertung des Frankens zugelassen hatte. Im Zug der Aufhebung der Euro-Untergrenze von 1.20 Franken verteuerte sich die helvetische Valuta im Vergleich zur Gemeinschaftswährung um zeitweise mehr als 15 Prozent. Der Frankenschock führte 2015 zu einer starken Verbilligung der Importe, was den Teuerungsindex in jenem Jahr um 1,1 Prozent fallen liess.

SNB geniesst Vertrauen der breiten Bevölkerung

Die auch im historischen Vergleich beispiellos lange leicht negative Preisentwicklung habe in der Schweiz kaum negative Konsequenzen nach sich gezogen, sagt Aymo Brunetti, Wirtschaftsprofessor an der Universität Bern. Starke Anzeichen für einen so breiten Einbruch der Nachfrage, dass es zu einer selbstverstärkenden Deflation hätte kommen ­können – das Angstszenario jeder ­Notenbank – habe es in der Schweiz über die ganze Krisenzeit hinweg nie gegeben. Tatsächlich schrumpfte die Wirtschaft einzig im Jahr 2009, als die Eskalation der Finanzkrise mit dem Zusammenbruch der Wall-Street-Bank Lehman Brothers im Herbst 2008 und der staatlichen Rettungsaktion der UBS weltweit für grosse Verunsicherung unter den Wirtschaftsakteuren gesorgt hatte.

Für viele Arbeitnehmer erwies sich die lange Phase der negativen Teuerungsentwicklung sogar als positiv. Die negativen Teuerungsraten führten bisweilen zu deutlichen Reallohnsteigerungen, obschon die nominalen Lohnsteigerungen im Vergleich zu Zeiten mit normaler Inflation deutlich geringer ausfielen. Auch die Reputation der SNB scheint kaum Schaden genommen zu haben. In den Finanzmärkten haben sich keine negativen Teuerungserwartungen verankert, sodass die deflationäre Entwicklung keine selbstverstärkenden Ausmasse annehmen konnte. Und auch in der breiten Öffentlichkeit geniesst die Nationalbank bis heute Vertrauen. Eine im November von der Credit Suisse veröffentlichte repräsentative Befragung («Sorgenbarometer») zeigt sogar, dass sie in puncto Vertrauen seit 2005 den grössten Zuwachs von 20 ausgewählten Institutionen verzeichnen konnte. Wie gross das Wohlwollen der Schweizer Bevölkerung gegenüber der SNB wirklich ist, wird man aber vermutlich erst in einigen Jahren beurteilen können. Noch ist nicht abschliessend geklärt, welchen dauerhaften Schaden die Aufhebung der Euro-Untergrenze in der Industriestruktur des Landes angerichtet hat.

Unbestritten ist, dass viele Industriefirmen und zunehmend auch Dienstleistungskonzerne Teile ihre Produktion ins Ausland verlegt haben. Von den rund 30000 Arbeitsplätzen, welche seit 2008 allein die Schweizer Maschinen-, Elektro- und Metallindustrie im Inland aufgegeben hat, geht nach Einschätzung des Branchenverbandes die Hälfte auf das Konto der geänderten Wechselkurspolitik.

In Anbetracht des wiedererstarkten Euro, der sich inzwischen über der Marke von 1.17 Franken etabliert hat, wäre es rückblickend vielleicht gescheiter gewesen, den Mindestkurs über die kritische Zeit von Anfang 2015 bis zu den französischen Präsidentschaftswahlen im Sommer 2017 durchzuhalten, meint Credit-Suisse-Chefökonom Oliver Adler. Diese Bemerkung wird die SNB künftig wohl noch häufiger zu hören bekommen, zumal sie auch nach der Freigabe des Wechselkurses weiter massiv im Devisenmarkt intervenieren musste, um den überbewerteten Franken zu schwächen und die Industrie vor weiterem Ungemach zu schützen. Das finale Urteil über die Geldpolitik der Nationalbank wird man wohl erst fällen können, wenn klar ist, wie hoch die volkswirtschaftlichen Kosten der massiven Bilanzausweitung wirklich gewesen sind.


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