Aussichten

Film ab in Locarno

12. August 2017, 00:00

Heute ist es zu Ende: Das südlich der Zentralschweiz im Tessin stattfindende Film­festival von Locarno endet zum 70. Mal. Für elf Tage stand Locarno im Fokus der Kinointeressierten. Die Piazza Grande, ein imposantes und stimmungsvolles Freiluftkino mit einer 26 x 14 Meter grossen Leinwand (einzig der Sitzkomfort kann es mit einem Indoorkino kaum aufnehmen), fasst rund 8000 Personen, die, wenn sie das nötige Kleingeld haben, für ein VIP-Ticket über 150 Franken auf den Tisch legen müssen («normale» Tickets sind zu «bürger­lichen» Preisen zu haben).

Ursprünglich startete das Festival am 20. August 1946 in einem Hotelpark in Locarno mit nur 2000 Sitzplätzen. Dem Ganzen vorausgegangen war eine turbulente Phase im Tessin: 1944 kehrte eine Gruppe von filmbegeisterten Luganesi mit viel Enthusiasmus vom Filmfestival in Venedig zurück. Sie initiierten in Lugano eine «Filmschau». Da die Kinosäle zu klein dafür waren, wollten sie in ein Freiluftkino im Parco Ciani ausweichen.

Dies stiess politisch jedoch auf Gegenwind: In einer Volksabstimmung 1946 bevorzugten die Stimmbürgerinnen und -bürger den Bau von Wohnhäusern. Noch bevor Interessenten aus der Deutschschweiz zupacken konnten – Schaffhausen und auch die Stadt Luzern witterten Morgenluft –, ergriffen Persönlichkeiten aus Locarno die Initiative und gründeten das bis heute äusserst populäre Festival, das es mit Konkurrenten wie Cannes oder Venedig durchaus aufnehmen kann.

Was steckt eigentlich zahlenmässig hinter dem Festival? Wer in die Geschichte zurückschaut, sieht durchaus beeindruckende finanzielle Komponenten: Als man das Festival in den 1970er-Jahren auf die Piazza Grande holte, waren Investitionen von rund 200000 Franken für die Grossleinwand nötig – die Stadt Locarno musste enorme Anstrengungen unternehmen, um diese Kosten stemmen zu können. Der heutige umtriebige Präsident Marco Solari – die Zeitungen zeigten ihn unlängst in Begleitung von Bundesrat Berset – hat laut eigenen Aus­sagen das Ziel verfolgt, das Festival «too big to fail» zu machen, was bei Banken etwas ist, was jeder heute vermeiden möchte – die UBS-Rettung durch den Bund/die Nationalbank lässt grüssen –, scheint im Filmbereich Erfolg verschafft zu haben. Das Budget des Festivals bewegte sich in den letzten fünf Jahren zwischen rund 11 und 13 Millionen Schweizer Franken, davon tragen der Kanton Tessin und die Schweizer Eidgenossenschaft einen Anteil von über 3,5 Millionen Franken, also rund einen Viertel.

Bei solch hohen Zahlen kommt bei einem Betriebswirtschafter unweigerlich die Frage auf – auch wenn das unter Kulturschaffenden mehr als nur verpönt ist –, was der Nutzen aus solchen Zuschüssen ist. Anlässlich der 57. Durchführung wollte dies auch die Tessiner Regierung wissen – ob aus freien Stücken oder aufgrund der erstarkten Lega dei Ticinesi, das bleibe dahingestellt. Die im Kanton gelegene Universita di Lugano verfasste dazu eine noch heute einseh­bare Studie in italienischer Sprache. Dort wird ein ökonomischer Effekt von 23 Millionen Franken beziffert. Auch die in der Studie aufgeführten weiteren Eckwerte lassen den Schluss zu, dass sich die Investition für den Kanton Tessin durchaus lohnt.

Es kann somit aus dieser Sicht auch betriebswirtschaftlich mit einem zufriedenen Blick auf das erfolgreiche Festival geschaut werden. Während die Kulturschaffenden seit 1968 als Hauptpreis für den besten Wettbewerbsfilm den Pardo d’oro, den Goldenen Leoparden, verdienen können – und ein Preisgeld von rund 90000 Schweizer Franken –, so werden die Bemühungen der Festivalleitung bzw. der Vermarktung desselben kaum gewürdigt, zumindest nicht öffentlich. Dies ist eigentlich sehr schade – denn Kultur und Ökonomie müssten keine Feinde sein, sondern sind sehr wohl miteinander verbundene, sich ergänzende und damit bereichernde Fachbereiche.

Marco Passardi

Prof. Dr. oec. publ., Dozent und Projektleiter, Hochschule Luzern


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