Firmenkauf öffnet Tür zum Rohstoff

PERLEN ⋅ Mit der Übernahme des Papierherstellers Utzenstorf kommt die Papierfabrik Perlen günstiger an den Rohstoff Altpapier. Für die Papiersparte der CPH-Gruppe bedeutet das einen Lichtblick im harten internationalen Verdrängungskampf.
12. August 2017, 00:00

Rainer Rickenbach

Perlen Papier wird ab dem kommenden Jahr als einziger Schweizer Zeitungspapierhersteller übrig bleiben. Auf den 1. Januar 2018 übernimmt die Papiersparte der CPH-Gruppe mit dem Papierhersteller Utzenstorf den letzten Konkurrenten im Inland (Ausgabe vom 26. Juli). In der Berner Ortschaft wird die Papierproduktion bis Ende Jahr vollständig heruntergefahren, die Altpapier-Sortieranlage aber weitergeführt. «Das Altpapier aus Utzenstorf werden wir in Perlen für die Papierherstellung verwenden», sagt CPH-CEO Peter Schildknecht. Dass mit Utzenstorf ein weiterer konkurrierender Papierproduzent verschwindet, stand in Perlen bei den Überlegungen zur Übernahme nicht so sehr im Vordergrund.

Es ist bloss ein willkommener Nebeneffekt, dass sich bald ein Mitbewerber weniger im schwierigen und margenschwachen Papiergeschäft für Zeitungen und Magazine tummelt. Mehr verspricht man sich in der CPH-Chef­etage davon, das Altpapiergeschäft der Berner übernehmen zu können.

Altpapier, der begehrte Rohstoff

Denn Altpapier ist in dieser Branche der begehrteste Rohstoff. Das Neupapier, das in der modernen Anlage von Perlen hergestellt wird, stammt zu 80 Prozent aus Altpapier. Die übrigen 20 Prozent sind Restholz. Kein Wunder, spielt der Altpapierpreis eine entscheidende Rolle dabei, ob die Papiersparte von CPH Gewinne abwirft oder Verluste schreibt. Im ersten halben Jahr zum Beispiel war der hohe Altpapierpreis hauptverantwortlich für den 6-Millionen-Franken-Verlust der Papiersparte. Die Fabrik verarbeitet pro Jahr rund 480000 Tonnen Altpapier. Die Preise dafür sind heute recht grossen Schwankungen unterworfen.

Die Papierhersteller kaufen das Altpapier den Gemeinden, Zweckverbänden, Entsorgungsfirmen und Händlern ab. «Sie spielten Utzenstorf und uns oft gegeneinander aus, um das Preisniveau in die Höhe zu treiben», erklärt Schildknecht. Von der Rolle als einzigem Grossabnehmer im Land verspricht er sich tiefere und stabile Preise. Die Papierfabrik Perlen sah sich in den zurückliegenden Jahren gezwungen, 45 Prozent des Altpapiers aus dem nahen Ausland zu importieren. «Ab dem kommenden Jahr erübrigen sich die wegen der längeren Transportwege teuren Einfuhren, denn wir können ab dann rund 260000 Tonnen Altpapier aus Utzenstorf beziehen», so Schildknecht.

Die Übernahme von Utzenstorf dürfte bis ins angrenzende Ausland Folgen auf die Altpapierpreise haben, weil Perlen auch dort als Einkäufer ausfällt. Hoch bleiben hingegen die Kosten für Altkarton, für ihn ist die Nachfrage wegen des boomenden Onlinegeschäfts steigend. In diesem Geschäft engagiert sich Perlen aber nicht, was an altem Karton in der Sortieranlage anfällt, wird verkauft. Die CPH-Gruppe kommt dank Utzenstorf der angestrebten Kostenführerschaft im Papiergeschäft einen grossen Schritt näher. Weil die Papierpreise seit neun Jahren fallen (siehe Grafik) und im internationalen Verdrängungswettbewerb die Margen schmelzen, hat man sich in Perlen zum Ziel gesetzt, mit möglichst tiefen Kosten möglichst viel Papier herzustellen. Das ist bis jetzt gut gelungen. Schildknecht: «Wir produzieren heute 80 Prozent mehr Papier als vor neun Jahren. Die Fixkosten aber konnten wir auf dem Niveau von damals halten.» Nebst den Preisen für den Rohstoff Altpapier sind die Strompreise und der Franken-Euro-Kurs für das Papiergeschäft zentral. Perlen Papier exportiert über 80 Prozent des hergestellten Papiers ins nahe Ausland.

Perlen hat keine Monopolstellung

Bleibt die Frage nach den Preisen für die übrigen knapp 20 Prozent Papier, die im Inland an Zeitungs- und Magazinverlage geliefert werden. Wird die CPH-Gruppe als einziger verbliebener Pressepapier-Hersteller im Lande die Preise nach oben schrauben? «Wir befinden uns nach wie vor in einem Verdrängungswettbewerb. Es besteht wenig Spielraum für bessere Preise», sagt Schildknecht. Auch beim Branchenverband der Schweizerischen Zellstoff-, Papier- und Kartonindustrie glaubt man nicht an eine Trendwende. Direktor Max Fritz sagt: «Perlen Papier mag zwar in der Schweiz als einziger Zeitungspapier-Produzent übrig bleiben, doch eine Monopolstellung haben die ­Luzerner nicht. Die Importquote ist im Papiergeschäft hoch.» Im vergangenen Jahr wurden in der Schweiz fast drei Viertel des Verbrauchs an Papier und Karton importiert und ein gleich hoher Anteil der hier produzierten Ware exportiert.

Schildknecht rechnet damit, dass die Nachfrage weiter zurückgeht, der Preiszerfall andauert und der Verkaufspreis sich erst in ein paar Jahren stabilisiert. Denn obwohl in den zurückliegenden Jahren in Europa ein Papierwerk nach dem andern schloss – seit 2012 gingen 39 Standorte zu –, herrschen grosse Überkapazitäten. In der Schweiz verschwanden seit den 1980er-Jahren über 30 Papierfabriken. Schildknecht: «Die Marktbereinigung ist noch nicht abgeschlossen.» Die grossen Player in Europa stammen aus Skandinavien, heissen UPM (Finnland), Stora Enso (Schweden), Norske Skog (Norwegen) und Holmen (Schweden), produzieren in verschiedenen europäischen Ländern und bekommen die Krise der gedruckten Zeitungen und Magazine als Folge der Digitalisierung und Werbeflaute zu spüren. Durchsetzen werden sich diejenigen, welche effizient produzieren und die Kosten im Griff haben.


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