Glencore strebt höheres Rating an

BAAR/LONDON ⋅ Nach schwierigen Jahren hat der Wind definitiv gedreht. Der Baarer Rohstoffkonzern Glencore hat im ersten Halbjahr wieder Milliarden verdient. Das Management schielt auf weitere Übernahmen.
11. August 2017, 00:00

Livio Brandenberg

Die aufgeräumte Stimmung bei Glencore schlug merklich durch an der gestrigen Telefonkonferenz zu den Ergebnissen des ersten Halbjahres. Nach einer knappen Begrüssung eröffnete Konzernchef Ivan Glasenberg sogleich die Fragerunde. Viel gebe es zu den Zahlen nicht zu sagen.

In der Tat: Das Ergebnis des Baarer Rohstoffriesen überraschte die Experten nicht. Glencore lieferte die erwartet guten Zahlen. In den ersten sechs Monaten des Jahres legte der Umsatz ­ um rund 44 Prozent auf fast 100,3 Milliarden US-Dollar zu. Aus dem Verlust von 615 Millionen Dollar im Vorjahreszeitraum wurde ein Gewinn von 2,2 Milliarden Dollar. Ohne die verlustträchtigen Minderheitsanteile liegt der Gewinn bei 2,45 Milliarden Dollar. Neben der besseren Wirtschaftslage und den steigenden Rohstoffpreisen sehe man nun auch die Früchte der Anpassungen in den letzten zwei Jahren, so der zufriedene CEO.

Glencore hatte sich ein rigoroses Sparprogramm verschrieben, um den hohen Schuldenberg abzubauen. Dies ist gelungen: Vor zwei Jahren standen noch Schulden von rund 30 Milliarden Dollar in den Büchern, aktuell sind es noch knapp 14 Milliarden. In den ersten zwei Quartalen 2017 hat Glencore die Verschuldung um 1,6 Milliarden Dollar abgebaut. Gleichzeitig investierte der Konzern knapp 1,7 Milliarden.

Dividende bleibt bei 1 Milliarde

Investitionen waren auch gestern ein zentrales Thema. Auf weitere mögliche Übernahmen angesprochen, sagte Glasenberg: «Ich hätte einiges kaufen wollen. Doch mein CFO Steve Kalmin wollte die Nettoverschuldung unter 16 Milliarden halten.» Der Konzernchef wies aber darauf hin, dass man durchaus aktiv gewesen sei, auch während der Zeit des Sparens. Als Beispiele nannte er den Rosneft-Deal von Ende 2016, als man sich für 300 Millionen Euro Vermarktungsrechte an russischem Erdöl sicherte, oder den Kauf von 49 Prozent am Kohlebergwerk Hunter Valley Operations in Australien vor zwei Wochen. «Wir schauen immer, wo sich Möglichkeiten bieten. Wir wünschen uns auch, im Agrarsektor zu wachsen», so der CEO. Diese Aussage ist insofern interessant, als Glencore während der Baisse Teile seiner Agrarsparte verkauft hatte. Geografisch wolle Glencore in den USA wachsen.

Und der gute Geschäftsgang soll vorerst nicht gebremst werden. Die eigenen Händler rapportierten eine stete Nachfrage nach Rohstoffen in China – dem inzwischen wohl wichtigsten Markt –, auch in der Breite der Materialien. Glencore setzt global, mit China als Treiber, auf den Durchbruch von Elektroautos. Deren Batterien enthalten beispielsweise Kobalt; Glencore ist einer der grössten Hersteller des Metalls.

Der Abbau der Schulden und die positiven Aussichten lassen die Verantwortlichen auch laut über das Kreditrating des Rohstoffgiganten nachdenken. Das Ziel sei, vom jetzigen BBB auf ein BBB+ zu kommen. «Wir haben den Ratingagenturen gesagt, dass wir dort hinwollen», sagte Finanzchef Kalmin gestern.

Positiv schätzt das gestrige Ergebnis auch Nicolas Bürkler, Rohstoffexperte und Dozent an der Hochschule Luzern, ein. «In einem Umfeld, wo sich die meisten Unternehmen durch fragwürdige Übernahmeaktivitäten, steigende Verschuldung sowie hohe Dividenden auszeichnen, hat Glencore meines Erachtens eine andere, umsichtigere Strategie gewählt. Man verzichtet nicht auf Wachstum, aber geht dies vorsichtig an.» Man sei sich der Risiken einer globalen Abkühlung der wirtschaftlichen Tätigkeit wahrscheinlich bewusst, so der Experte. Die grössten Herausforderungen für Glencore sieht Bürkler denn auch darin, wie der Konzern mit der weltwirtschaftlichen Lage umgeht, aber auch «wie Glencore mit den politisch-rechtlichen Risiken in den Produzentenländern und den Anforderungen in den Verbraucherländern zurechtkommen wird». Viele Anlagen von Glencore befänden sich in Regionen, wo die Rechtssicherheit und die Durchsetzung von Eigentumsrechten beschränkt seien. Auch deshalb habe das Management nur begrenzt Einfluss auf den Aktienkurs. Diesen sieht Bürkler zum Jahresende auf einem tieferen Stand, «aber nicht aufgrund schlechter Geschäftsführung, sondern aufgrund des Umfelds, in dem sich Glencore bewegt». Gestern schloss das Papier knapp 2,5 Prozent im Minus bei 3.31 Pfund.

Als einzig wirkliche – wenn auch kleine – Enttäuschung aber durfte gestern die Meldung Glencores gelten, die Dividende bei 1 Milliarde belassen.

«Wir würden in den USA gerne wachsen.»

Ivan Glasenberg

CEO Glencore


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