Hat auch Mercedes geschummelt?

DEUTSCHLAND ⋅ Nach VW, Porsche und Audi soll auch der Daimler-Konzern bei Dieselmotoren die Abgaswerte manipuliert haben.EineMillionFahrzeuge wären betroffen.Experten fürchten um den guten Ruf der Industrienation.
14. Juli 2017, 00:00

Christoph Reichmuth, Berlin

«Bei uns wird nicht betrogen, bei uns wurden keine Abgaswerte manipuliert», sagte Daimler-Konzernchef Dieter Zetsche ­Anfang 2016. Ein Bericht unter anderem der «Süddeutschen Zeitung» von gestern legt den Verdacht nahe, dass Zetsche – bewusst oder unbewusst – damals die Unwahrheit gesagt hat. Auch bei Mercedes soll im grossen Stil bei Abgaswerten geschummelt worden sein, berichtet die Zeitung.

Demnach soll der in Stuttgart ansässige Konzern von 2008 bis 2016 in Europa und den USA bewusst Fahrzeuge mit einem unzulässig hohen Schadstoffausstoss unter die Kunden gebracht haben. Bei den Fahrzeugen soll es sich um Autos und Kleintransporter handeln, die mit den Motoren OM 642 und OM 651 ausgestattet sind. Diese Motoren sind unter anderem in etlichen Modellen bei Mercedes eingebaut, unter anderem in der C-, E- und R-Klasse, schreibt die Zeitung. Insgesamt soll der Konzern bei mehr als einer Million Fahrzeugen geschummelt haben. Die Zeitung beruft sich bei ihrem Bericht auf einen Durchsuchungsbeschluss des Amtsgerichts Stuttgart. Im Mai fand bei Daimler eine Razzia statt.

«Organisiertes Staatsversagen»

Daimler ging bei der Manipulation der Schadstoffwerte – treffen die Vorwürfe tatsächlich zu – offenbar sehr ähnlich vor wie der VW-Konzern. Die Dieselmotoren zeigten bei offiziellen Schadstoffmessungen im Prüfstand offenbar deutlich geringere Werte an als beim effektiven Gebrauch auf der Strasse. In die beiden Motorenreihen soll demnach eine Abschalteinrichtung eingebaut worden sein.

Damit bei den Schadstoffmessungen während der Prüfung die gesetzlichen Vorgaben eingehalten werden konnten, soll eine Funktion zur Verringerung der Emissionen eingeschaltet worden sein. Kaum befand sich das Fahrzeug auf der Strasse, schaltete die Software die Schadstoffreinigung ab.

Derweil ermitteln die Be­hörden lediglich gegen zwei Daimler-Mitarbeiter, die mit der Softwareentwicklung bei Dieselmotoren zu tun hatten. Die zuständige Staatsanwältin rechnet allerdings im Zuge weiterer Nachforschungen damit, dass sich der Kreis der Verdächtigen erweitern wird. Möglicherweise gerät auch Daimler-Chef Zetsche selbst ins Visier der Ermittler. Dass die Behörden ein Auge auch auf Daimler werfen, ist nicht neu. Bereits in der Vergangenheit mussten – im Nachgang zu der zunächst bei Volkswagen aufgedeckten Manipulation – 247 000 Fahrzeuge von Daimler auf Druck des Bundesverkehrsministeriums nachgebessert werden.

Damals betroffen waren Fahrzeuge der Mercedes V-Klasse mit 2,1-Liter-Motoren, aber auch Modelle wie A- oder B-Klasse mit kleineren 1,5-Liter-Motoren. Nun aber steht der Vorwurf im Raum, Daimler habe absichtlich geschummelt. «Wenn nach VW auch Daimler die Verbraucher betrogen hätte, dann hätten wir einen handfesten Skandal, der nicht nur Kunden in Deutschland, sondern möglicherweise in der ganzen Welt trifft», zitierte das «Handelsblatt» gestern den Chef der Verbraucherzentrale Bundesverband (VZBV), Klaus Müller. «Hier nimmt gerade eine ganze Branche, der gute Ruf einer Industrienation und nicht zuletzt das Verbrauchervertrauen einen gewaltigen Schaden.»

Grünen-Chef Cem Özdemir sieht die Behörden mitverantwortlich dafür, dass die Automobilbranche in Deutschland über Jahre hinweg die Verbraucher täuschen konnte: «Es wird immer offensichtlicher, dass der Abgasskandal nur möglich gewesen ist, weil die Behörden über Jahre systematisch weggeschaut haben», sagte Özdemir, der – auf Wahlkampf getrimmt – hinzufügte: «Das ist eine Bankrotterklärung der Bundesregierung. Das ist organisiertes Staatsversagen.»

Milliardenschaden für VW

Tatsächlich ist der Ruf der deutschen Automobilbranche – vor allem aber der Dieseltechnologie – seit Bekanntwerden der Manipulationen schwer beschädigt. Bis September 2015 verzeichnete die deutsche Autoindustrie ein Rekordjahr. Nicht zuletzt dank der als umweltfreundlich angepriesenen Dieselmotoren wies die Autoindustrie global gute Verkaufszahlen aus. Nachdem VW – auf massiven Druck der USA – zugestanden hatte, bei den Schadstoffwerten getrickst zu haben, gerieten auch andere Hersteller von Dieselfahrzeugen ins Visier der Behörden – Audi, Porsche, BMW und Daimler.

Politik und Industrie in Deutschland treffen sich Anfang August, um über die Dieselproblematik zu beraten. Möglich ist, dass sich die Autohersteller dazu bereit erklären müssen, die Dieselfahrzeuge in Werkstätten umrüsten zu lassen. Allein in Deutschland, so berichtet der «Spiegel», wären 13 Millionen Dieselfahrzeuge betroffen. Welche Konsequenzen Daimler drohen, ist noch unklar. VW kostete der Abgasskandal bisher 22,6 Milliarden Euro, darin enthalten sind Strafzahlungen und Entschädigungen. Dass Daimler Ungemach droht, damit hat der Autobauer schon gerechnet. Im letzten Quartalsbericht heisst es, wegen der Untersuchungen gegen Daimler drohten erhebliche Geldstrafen, Sanktionen oder Rückrufaktionen.

In den USA haben Käufer von Mercedes-Dieselautos laut der FAZ den Daimler-Konzern bereits auf Schadenersatz verklagt. Der Autobauer kommentierte den Bericht der «Süddeutschen Zeitung» gestern nicht. Auch Daimler-Chef Dieter Zetsche schwieg dazu.


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