Im langen Schatten der Revolution

APPLE ⋅ Der US-Konzern veränderte vor zehn Jahren mit seinem Smartphone die Welt. An den neuesten iPhone-Innovationen sind auch Schweizer Firmen beteiligt. Doch der Branche geht es um mehr als Technologie.
14. September 2017, 00:00

Thorsten Fischer

«Es fehlt der Wow-Effekt» – die Urteile zur jüngsten Produktpräsentation von Apple fallen in den Internetforen teilweise harsch aus. Gut 10 Jahre nachdem der US-Konzern mit dem ersten echten Smartphone die Welt veränderte, ist es für das Unternehmen schwierig geblieben, den Überraschungseffekt von damals zu wiederholen.

Wie alltäglich viele Funktionen inzwischen geworden sind, wird einem bewusst, wenn man das Präsentationsvideo des ersten iPhone von 2007 betrachtet. Der damalige Apple-Chef Steve Jobs verblüffte das Publikum, als er ein Musikabspielgerät, ein Mobiltelefon und einen Internetkommunikator ankündigte. Und zwar nicht als drei separate Geräte – nein, sondern als ein einziges Gerät, das alle Funktionen vereinte. Zudem benötigte man zur Bedienung kaum mehr Tasten – es genügte das Berühren des Bildschirms. Euphorischer Applaus war ihm vor zehn Jahren sicher.

Nächste Generation der Smartphones und der Uhr

Der heutige Apple-Chef Tim Cook hatte sich am Dienstag alle Mühe gegeben, die Konzernpräsentation ein weiteres Mal mit Innovationen vollzupacken. Das neue iPhone 8 mit erweiterten Funktionen, eine überarbeitete Apple Watch, die unabhängig vom Mobiltelefon funktioniert, und das iPhone X (Ten), passend zum 10-Jahr-Jubiläum. Die Vorstellung fand erstmals im Auditorium auf dem neuen Apple-Campus statt. Das ringförmige Hauptgebäude aus Glas, «Raumschiff» genannt, ist so gut wie bezugsbereit und soll 12000 Mitarbeitern Platz bieten. Dass Apple nicht wirklich nach vorne schaut, wäre alleine schon deshalb eine überspitzte Behauptung. Der Erfolg im Technologiesektor gründet allerdings zu grossen Teilen auf innovativen Produkten. Prächtige Firmensitze können diesen Erfolg symbolisieren. Bahnbrechende Ideen sind im Silicon Valley aber häufig – wie sich seit Jahrzehnten zeigt – in Garagen und Hinterhöfen entstanden. Und können dies jederzeit wieder. Die grossen Konzerne, nicht nur Apple, bleiben deshalb gefordert.

Apple wieder in Führung

Die von Apple jetzt vorgestellten Geräte werden von einigen Analysten durchaus als «ein starkes Set an Produkten» gesehen. Es bringe dem Unternehmen die Führung in einigen Kategorien zurück, urteilte etwa Jan Dawson laut dem «Guardian.» Damit ist auch schon angedeutet, was dem Konzern in den vergangenen Jahren zu schaffen machte: Die aufgekommene Konkurrenz, vorab durch asiatische Hersteller wie Samsung, HTC oder Huawei.

Anwendungen wie die Gesichtserkennung des Nutzers zum Entsperren des Smartphones haben diese bereits implementiert. Apple tut dies nun auch mit seiner Face ID im iPhone X, will aber in der Technologie einen neuen Standard setzen. Dass das Entriegeln des Smartphones per Gesichtsbiometrie in der Präsentation nicht sofort klappte, dürfte nicht grundsätzlich Zweifel säen. Vom berüchtigten Vorführeffekt ist bekanntlich kaum ein Unternehmen gefeit.

Was Apples Image, geballte Innovation auf den Markt zu bringen, eher belastete, waren die zahlreichen Informationslecks im Vorfeld. Vieles, was in der Präsentation gezeigt wurde, war zuvor schon in die Öffentlichkeit gesickert. Ob beabsichtigter Mar­keting-Trick oder nicht: Der «Wow-Effekt» über ein grosses Paket an Innovation zerfiel damit unweigerlich in einzelne kleine Überraschungen.

Das iPhone und die Schweiz

Die Schweiz galt lange als iPhone-Land. Manche unken, dies liege einfach daran, dass man sich hierzulande teurere Geräte besser leisten könne. Dabei hatte Apple-Chef Cook jüngst in einem Interview mit «Fortune» betont, man stelle nicht nur Produkte für Reiche her. Es gebe Firmen, die wesentlich höhere Margen hätten. Die Preisgestaltung richte sich nach dem Wert der Produkte und man könne gewisse Apple-Fabrikate auch schon für wenige 100 Dollar kaufen. Beim neuen iPhone X ist das freilich anders: Es soll ab 27. Oktober vorbestellt werden können und 1199 Franken kosten. Marktanteilsmässig gesehen hat die Konkurrenz hierzulande jedenfalls aufgeholt. Ende August bezifferte der Vergleichsdienst Comparis den iPhone-Anteil in der Schweiz auf 41 Prozent, während Android-Smartphones erstmals 55 Prozent erreichten. Dennoch bleibt das iPhone in anderer Hinsicht schweizerisch. Ins iPhone X etwa floss Wissen des ETH-Spin-offs Faceshift ein, das Apple übernommen hat. Es wandelt Gesichtsausdrücke in künstlich erzeugte Figuren um. Ebenso gibt es Schweizer Hardware in den Geräten. Dazu zählen Spezialschrauben der Rheintaler SFS. Recherchen von Branchenportalen und des Schweizer Fernsehens nennen zudem die Zürcher Bopp (Metallgewebe), Ems Chemie (Hochleistungskunststoffe) oder die Baselbieter Rolic (Displaymaterialien).

Apple befindet sich nach der von ihr angestossenen Revolution somit eher auf dem Pfad der kontinuierlichen Evolution. Ohnehin dürften für alle Konzerne Feinheiten in der Software und im sorgsamen Umgang mit Nutzerdaten immer wichtiger werden. Apple mag es zudem trösten, dass sie nun zwar mit ebenbürtiger Konkurrenz ringt, diese aber durch Apples Innovationscoup vor zehn Jahren erst richtig auf den Plan gerufen wurde.


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