Indiens Bahn braucht eine Sanierung

INFRASTRUKTUR ⋅ Die Eisenbahn des Subkontinents transportiert 23 Millionen Menschen täglich – und ist marode. Für 127 Milliarden Franken soll die Bahn nun generalüberholt werden. Die Schweizer Firma Stadler Rail hofft auf grosse Aufträge.
16. April 2018, 00:00

Ulrike Putz, Rajasthan

Aadhav Satyanarayana hat eine weite Reise vor sich: 32 Stunden lang wird er im Zug sitzen, bevor ihn seine Eltern am Bahnhof seines 1700 Kilometer entfernten Heimatstädtchens im indischen Gliedstaat Andra Pradesh in die Arme nehmen können. Nach kurzem Aufenthalt muss der 29-Jährige dann weiter. Satyanarayana ist Beamter der CISF, einer Spezialeinheit der indischen Polizei für den Schutz staatlicher Einrichtungen. In dieser Rolle wird er kreuz und quer durch Indien geschickt, zuletzt hat er in Rajasthan ein Kraftwerk gesichert. Der nächste Einsatzort ist Kerala, am anderen Ende des Subkontinents. Also reist Satyanarayana nach dem Abstecher zu seinen Eltern weiter: Wieder 29 Stunden, wieder Schlafwagen dritter Klasse, wieder ohne Klimaanlage.

Die insgesamt 61-stündige Bahnreise Satyanarayanas, die in der Stadt Kota in Rajasthan ihren Anfang nimmt, ist ein Höllenritt: Bei über 40 Grad Aussentemperatur heizen sich indische Züge auf Bruthitze auf, gegen die selbst die Klimaanlagen in den teureren Klassen nicht ankommen. Aus den offenen Toiletten am Ende der Waggons schwappt Kloake durch die Gänge. Alle paar Minuten zwängen sich fliegende Händler durch die Menge, sie verkaufen klebrigen Tee, der mit Wasser fragwürdiger Qualität zubereitet wurde. Das Schlimmste sei das Essen, sagt Satyanarayana: «Was in der dritten Klasse verkauft wird, ist ungeniessbar.»

Überall lauern Gefahren für Leib und Leben

Satyanarayana ist einer von 23 Millionen Passagieren, die die indische Bahn jeden Tag transportiert: Für die 1,3 Milliarden Inder ist der Zug nach wie vor das wichtigste Verkehrsmittel, sei es im Nah- oder Fernverkehr. 8000 Passagier- und 4000 Frachtzüge rollen täglich über 115000 Kilometer Schienen. Die vom Eisenbahnministerium gelenkte Bahn beschäftigt 1,4 Millionen Menschen und ist damit einer der grössten Arbeitgeber der Welt.

Doch Indiens Bahn steckt in der Krise: Über die Hälfte des Schienennetzes stammt noch aus der britischen Kolonialzeit, also von vor 1947. Züge, Gleise, Stellwerke, Elektrik, Bahnhöfe: Alles ist veraltet, verrottet, überfüllt, verdreckt. Überall lauern Gefahren für Leib und Leben. Pro Tag starben in den ersten sechs Monaten des Jahres 2017 durchschnittlich 69 Menschen in oder durch Indiens Bahn, rapportiert das Ministerium. Die meisten fallen von den Dächern der aus allen Nähten platzenden Waggons oder kommen an ungesicherten Bahnübergängen ums Leben. Zugkollisionen und Entgleisungen enden ebenfalls oft tödlich.

Schuld am desolaten Zustand der indischen Bahn sind vor allem die auch nach einer Preiserhöhung immer noch lachhaft niedrigen Ticketpreise. Satyanarayana wird für seine dreitägige Odyssee umgerechnet lediglich 29 Franken bezahlen. Paradoxerweise sind die Transportkosten für Fracht dagegen enorm. Für Güter auf der Schiene ist Indien eines der teuersten Länder überhaupt. Die Einnahmen aus dem Warenverkehr reichen zwar, um den Passagierverkehr quer zu subventionieren. Doch blieb bisher kaum Geld, um die dringend notwendige Grundsanierung der Bahn in Angriff zu nehmen.

Ambitiöse Pläne zur Modernisierung

Für Indiens Wirtschaft ist die uralte Bahn längst ein Wachstumshindernis. Hauptgrund ist das Schneckentempo, in dem es vorangeht: Seine 2800 Kilometer lange Reise wird Satyanarayana mit einer durchschnittlichen Geschwindigkeit von 45 Kilometer pro Stunde absolvieren. Dies ist einer der Hauptgründe, dass laut der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der UNO etwa 40 Prozent des in Indien geernteten Obsts und Gemüses verderben, bevor es die Konsumenten erreicht.

Die Regierung will das nun ändern. «Bahnhöfe müssen besser ausgestattet sein als Flughäfen», forderte Premierminister Narendra Modi nach seiner Wahl 2014. Der Regierungschef hat einen persönlichen Bezug zum Schienenverkehr. Als Sohn eines Teehändlers, der auf einem Bahnhof im Gliedstaat Gujarat seinen Stand betrieb, wuchs der Hindu-Nationalist sozusagen direkt am Gleisbett auf. 2015 lancierte Modi einen ambitionierten Plan: Bis 2020 soll der Koloss Bahn für umgerechnet 127 Milliarden Franken grunderneuert werden. Neue Gleise sollen verlegt, moderne Züge beschafft, die gesamte Technik überholt werden. Bald werden Schnellzüge Indiens Metropolen verbinden, das erste Trassee zwischen Mumbai und Modis Heimatstadt Ahmedabad ist bereits im Bau, weitere sollen folgen. Auch die uralten Zugtoiletten, die direkt auf die Gleise entleeren und enorme Hygieneprobleme verursachen, sollen abgeschafft werden. Schlüssel zum Erfolg ist zudem mehr und besser qualifiziertes Personal, das hat man in Delhi begriffen. Als Ende vergangenen Monats die Bewerbungsfrist für 90000 neue Stellen auslief, hatten sich sage und schreibe 28 Millionen Inder auf die Stellen als Lokführer, Elektriker, Kondukteure und Gepäckträger beworben.

Stadler Rail nimmt- Indien ins Visier

Ziel ist es, der Bahn zu ermöglichen, ihre Transportzeiten zu verkürzen und Passagierzahlen sowie Frachtvolumen zu erhöhen. So soll der indische Wirtschaftsboom weiter beflügelt werden. Dabei sollen auch Ausländer helfen. So hofft etwa der Schweizer Bahnbauer Stadler Rail auf gute Geschäfte auf dem Subkontinent. Im Rahmen eines Konsortiums mit der indischen Technologiefirma Medha waren die Thurgauer als einziger qualifizierter Bieter für einen Grossauftrag über 400 Millionen Franken übrig geblieben, Indien über die kommenden zehn Jahre mit 15 elektrischen Intercity-Zügen zu beliefern. Die Züge mit einer Höchstgeschwindigkeit von 160 Kilometern pro Stunde sollen auf Hauptverkehrsadern wie Delhi –Mumbai und Delhi–Kalkutta eingesetzt werden. Stadler Rail hatte angekündigt, im Falle eines Zuschlags in Andra Pradesh eine Fabrik für Ersatzteile eröffnen zu wollen, in der 3000 Inder Arbeit finden sollen.

Weil aber die indische Bahn noch nie einen Auftrag vergeben hat, wenn nur ein einziger Bieter übrig geblieben ist und auch die Behörden Einwände erhoben haben, wird der Auftrag nun neu ausgeschrieben, voraussichtlich dieser Tage. Um mehr global aktive Bahnbauer zu Angeboten zu animieren, wird das Erfordernis einer lokalen Fertigungsstätte fallen gelassen. Noch immer hängig ist auch die Vergabe des Grossauftrags über 5000 Stahlzüge für die indische Bahn im Wert von 7,5 Milliarden Franken. Dies, weil während der Ausschreibung Siemens und Alstom die Fusion ihrer Bahnsparten ankündigten. Gemäss den Vorgaben dürfte deshalb auch dieser Auftrag neu ausgeschrieben werden. Stadler Rail wollte sich auf Anfrage über den Stand der Dinge nicht äussern.


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