Italiens Jugend in der Wirtschaftskrise

ROM ⋅ Ein alarmierender Anteil der jungen Italiener hat weder einen Job noch die Aussicht darauf, einen zu finden. Nun reagiert die Regierung – doch angesichts leerer Kassen ist fraglich, was sie erreichen kann.
09. Oktober 2017, 00:00

Eine beliebte Radiosendung in Italien heisst in Anlehnung an einen bekannten Filmtitel «No Country For Young Men» («Kein Land für junge Männer»). Angesichts einer stagnierenden Wirtschaft, die insbesondere den Jungen kaum Möglichkeiten bietet, verwundert das nicht.

Italiens Jugendarbeitslosigkeit liegt seit sechs Jahren bei über 30 Prozent. 2015 sind rund 50000 Italiener unter 40 Jahren ausgewandert, um anderswo zu arbeiten. Knapp die Hälfte von ihnen ging mit Universitäts­abschluss. Italien «blutet aus», was junge Talente betrifft, sagt Luca Paolazzi, Chefökonom des Arbeitgeberverbands Confindustria. Die Auswanderungen kosten Italien rund 1 Prozent Wirtschaftswachstum pro Jahr, ist er überzeugt. «Wir sprechen hier von einer echten Krise.»

Die Mitte-links-Regierung von Ministerpräsident Paolo Gentiloni hat die Situation erkannt und versucht gegenzusteuern. Der kommende Haushalt werde Massnahmen vorsehen, um Unternehmen dazu zu motivieren, junge Menschen einzustellen, versprach sie. «Mit Blick auf die Grenzen des Etats gibt es sehr wenig Mittel (für mehr Staatsausgaben)», sagte Wirtschaftsminister Pier Carlo Padoan. «Die Jugendarbeitslosigkeit wird mit Sicherheit eines der sehr wenigen Themen sein, die bei den Haushaltsplanungen angegangen werden.»

Senkung der Sozialabgaben

So liegt derzeit die Idee auf dem Tisch, für neu eingestellte Arbeitnehmer unter einem bestimmten Alter die Sozialabgaben zu senken. Für Arbeitgeber fallen damit für frisch eingestellte junge Arbeitnehmer die Kosten, die sie neben dem Lohn bezahlen müssen – wodurch es für sie attraktiver wird, junge Menschen anzuheuern. Darüber hinaus erwägt Italiens Regierung, bis zu einer halben Million Angestellte im öffentlichen Dienst in den vorgezogenen Ruhestand zu schicken. So will sie diese Jobs für junge Arbeitnehmer freigeben.

Kritiker bemängeln, dass die Senkung der Sozialabgaben Firmen auch lediglich dazu bringen könnte, angestellte junge Menschen wieder zu entlassen, sobald sie älter werden und die – noch festzulegende – Altersgrenze überschreiten. Und das Versprechen neuer Jobs beim Staat wirkt für einige wie ein Wahlgeschenk – Gentilonis Regierung muss sich kommendes Jahr der Wiederwahl stellen. Eine ökonomische Beratungsfirma hat im März eine radikalere Lösung vorgeschlagen: Wohlhabende Rentner sollen mit einer Steuer belegt werden, um von diesem Geld Wohlfahrtsmassnahmen für Jüngere zu finanzieren. Das sei «nicht nur von einem ethischen Standpunkt aus angemessen, sondern auch sozial und wirtschaftlich sinnvoll».

Die Denkfabrik hat berechnet, dass das Alter, in dem junge Italiener durchschnittlich erwarten können, finanziell von ihren Eltern unabhängig zu werden, immer weiter steigt: Lag es im Jahr 2004 noch bei 30 Jahren, soll es bis 2020 auf 38 steigen, bis 2030 gar auf 48. Viele von ihnen überleben nur, weil es sozial akzeptiert wird, auch mit über 30 noch zu Hause zu leben.

Alvise Armellini (DPA)


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